Anjas und Winfrieds Reiseseite
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Mit MS Hanseatic in die Antarktis

2014 - 2015

Samstag 20.12.2014

Süd-Georgien - Tag 2 - Grytviken

Die MS Hanseatic verlässt am frühen Morgen die windstillere Cumberland Bucht und fährt zurück in die benachbarte Fortuna Bucht. Gegen 7 Uhr stehen wir auf und sind im Bad. Danach können wir beobachten, wie ein Zodiac ein Erkundungsteam zum Ufer bringt. Die Lektoren wollen herausfinden, ob die Wanderung über den berühmten Shackleton Trail möglich ist. Es haben sich an die 30 Personen gemeldet, die diesen schwierigen Weg mit den Lektoren gehen wollen. Wir haben nicht das geeignete Schuhwerk mit und in den klobigen Gummistiefeln kämen wir nur wenige hundert Meter weit. Zudem behindert mich mein vor dem Urlaub verletzter Fuß immer noch ein wenig.
Also bleiben wir an Bord und sind um 8 Uhr im Restaurant beim Frühstück. Das Schiff fährt bereits weiter in die Stromness Bucht, um die Wanderer später wieder aufzunehmen. Außerdem gibt es hier die Möglichkeit, einen Landgang zu unternehmen. Der Wellengang ist noch enorm und wir würden mit Sicherheit wieder ganz schön nass. Die ehemalige Walfangstation hier in Stromness würde uns schon interessieren, aber wir beschließen, die wetterfesten Sachen lieber bis zum Nachmittag aufzuheben. Die Trocknung hat gestern in der kurzen Zeit nicht gereicht und der Ausflug nach Grytviken ist uns wichtig.
Wir gehen nach dem Frühstück an der Rezeption vorbei und fragen nach einem zweiten Kabinenschlüssel. Der oder die Bewohner in unserer Kabine auf der letzten Reise war scheinbar allein und brauchte nur einen Schlüssel. Wir hätten aber gerne jeder einen Schlüssel und den bekommen wir an der Rezeption auch auf Nachfrage. Danach sind wir in der Observation Lounge bei einer guten Tasse Kaffee und der Tageszeitung. Es gibt täglich per Satellit eine aktuelle Tageszeitung, bestehend aus einer gefalteten DIN A3 Seite mit den aktuellsten Nachrichten aus Politik, Sport und Kultur. Sogar die Bundesligaergebnisse gibt es brandaktuell.
Um 12.30 Uhr kommen die letzten Wanderer und Stromnessbesucher mit den Zodiacs zurück an Bord und wir gehen ins Bistro Lemaire zum Mittagessen. Danach holen wir uns schon mal unsere Stiefel aus der Kammer. Das Gewühle und Geschiebe in dem viel zu kleinen Raum ist bei einer anstehenden Ausbootung fast unerträglich. Da wir die Stiefel nach jedem Landgang gründlich in der Waschanlage säubern, werden wir sie jetzt vor jedem Landgang bereits in der Kabine anziehen. Das Sidegate ist ja gleich um die Ecke unserer Kabine. Da wir in der letzten Gruppe sind, die ausgebootet wird, ist noch Zeit für einen kurzen Mittagsschlaf.
Gegen 15 Uhr liegt die Hanseatic in King Edward Cove vor Grytviken, dem Hauptort hier auf Süd-Georgien, auf Reede. Nachdem der Sicherheitsbeamte, übrigens der Einzige auf der gesamten Reise, das Schiff freigegeben hat, dürfen die ersten Passagiere an Land. Unsere grüne Gruppe ist erst um 16.15 Uhr mit dem Ausbooten dran und die Fahrt dauert auch noch 15 Minuten bis zum Strand. Wir werden etwas abseits des Ortes in der Nähe eines Friedhofes abgesetzt. Es wie immer mühsam, mit den Gummistiefeln das Ufer hinaufzuklettern. Am Eingang des Friedhofes drückt uns der Hotelchef unseres Schiffes ein Glas mit Linieschnaps in die Hand und ich will gerade ansetzen, um es zu trinken. Ein Gast warnt mich aber glücklicherweise noch gerade rechtzeitig. Der Schnaps ist für den Toast auf den Entdecker, an dessen Grab der Kapitän gleich seine Rede halten wird. Den kleinen Schluck gebe ich zurück uns Glas und warte geduldig, was gleich noch passieren wird.
Das Schnapsglas ist eine Qual. Es gibt nirgends eine Abstellmöglichkeit und mit der schwappenden Flüssigkeit in der Hand filmt es sich einfach schlecht. Normalerweise halte ich die Kamera immer mit zwei Händen und der Bildstabilisator tut sein übriges, um verwackelungsfreie Bilder zu bekommen. Das klappt mit dem Glas in der Hand hier am Grab von Sir Ernest Shackleton nicht so gut. Ich nehme das Schnapsglas in die linke Hand, bilde eine Faust darum und lege die Kamera mit der rechten Hand auf die Faust der Linken. Das ist zwar sehr unbequem, aber ich muss ja nicht die ganze, fast 20 Minuten dauernde Rede aufnehmen. Die lange Rede auf den Boss, wie er von seinen Seeleuten genannt wurde, lasse ich in weiten Teilen sausen. Die Aufnahme von Kapitän Gerke und seinem Trinkspruch sind mir wichtiger. Erst danach schütte ich den in der Zwischenzeit warm gewordenen Schnaps verächtlich die Kehle hinunter und bin froh, das Glas gleich danach loszuwerden.
Der hier begrabene Entdecker war dadurch berühmt geworden, dass er ebenfalls den Weg zum Südpol erkundet hat. Bereits 1909 war er nur noch 180 Kilometer davon entfernt, musste aber aufgeben. Leider kam ihm dann 1911 vor seinem nächsten Versuch der Norwegen Roald Amundsen zuvor. Danach hatte er den Ehrgeiz, den antarktischen Kontinent komplett zu durchqueren. Die Expedition mit der Endurance scheiterte, weil das Schiff im Packeis stecken blieb und zerdrückt wurde. Die 28 Männer erreichten 1916 mit 3 Rettungsbooten schließlich Elephant Island. Shackleton machte sich von hier mit nur einem der Boote und 6 Männern auf die gefährliche, rund 800 Kilometer lange Reise nach Süd-Georgien. Es war unglaubliches Glück, dass die Gruppe nach 15 Tagen an der Westküste der Inselgruppe ankam. Jetzt mussten sie nur noch die Berge und die Gletscher überwinden, um auf der Ostseite Hilfe holen zu können. Das gelang ihm mit zwei seiner Männer und nach einem 36 Stunden langen Marsch erreichten die drei die Walfangstation in Stromness. Zuerst holte Shackleton seine Männer von der anderen Seite der Insel ab. Es bedarf aber mehrerer Versuche, bis er endlich das chilenische Schiff Yelcho unter Kapitän Luis Pardo nach Elephant Island schicken und seine 22 dort monatelang ausharrenden Männer retten konnte.
Nach der Zeremonie am Grab gehen wir in den Ort Grytviken. Der Spaziergang dauert knappe 20 Minuten durch eine erschreckende Szenerie. Die zahllosen Maschinenteile, die hier überall herumliegen, könnten eine grausame Geschichte erzählen. Tausende, wenn nicht sogar zigtausende Wale wurden hier angelandet und zu Öl und Tran zerkocht. Der Bestand an Buckelwalen hier in der Antarktis war bereits stark gefährdet. Glücklicherweise entdeckte man das Erdöl und der Spuk war vorbei. Wie der Mensch aber nun mal ist, lässt er seinen Dreck und Müll einfach in der Landschaft liegen.
Erstaunlich ist, dass sich zwischen den Schrottteilen das Leben wieder versammelt hat. Zahlreiche Pelzrobbenmütter mit ihren süßen Jungtieren und Seeelefantenbabys liegen faul herum und verdauen ihren letzten Fang. Königspinguine stolzieren ebenfalls über unseren Weg und einige halten sich in kleineren Gruppen am Ufer auf.
Um 17.15 Uhr sind wir in der Whalers Church. Diese Holzkirche steht etwas abseits und zurückgesetzt vom Hauptort. Das Gotteshaus wurde in vorgefertigten Einzelteilen aus Norwegen hierher gebracht und zum Weihnachtsfest 1913 geweiht. Lange Jahre galt es als südlichste Kirche der Welt bis es von einer Kirche in Puerto Williams in Chile auf Feuerland diesen Titel verlor. Da wir unterwegs viel gefilmt und fotografiert haben, ist die Kirche bereits sehr gut gefüllt. Aber in einer hinteren Bank bekommen wir noch Platz. Die Schiffsleitung hat einen Gottesdienst für die Besatzung und die Passagiere organisiert. Es gibt ein Ave Maria von der Bordsängerin und eine Predigt vom Bordgeistlichen Dr. Edgar Hasse. So kurz vor Weihnachten ist das ein ganz tolles Ereignis und wir sind wirklich ergriffen.
Nach 30 Minuten ist die Andacht vorbei und wir machen uns schnell auf den Rückweg zum Ort. Da soll es eine Toilette in einem Museum geben und die brauchen wir jetzt dringend. Es ist ja auch nicht ganz einfach, die warme, wasserdichte Verpackung für das dringende Geschäft loszuwerden. Da wir die ersten im Ort sind, klappt die Verrichtung wunderbar. Jetzt haben wir noch Zeit, uns im Souvenirshop umzusehen. Ich kaufe Anja einen kleinen, süßen Stoffpinguin, eine Postkarte und eine Briefmarke. Die Karte an uns selbst ist schnell geschrieben und landet nebenan im Postamt im Briefkasten. Wir sind immer ganz stolz, wenn wir von unseren Reisen selbst eine Karte bekommen. Das sind eine tolle Erinnerung und ein schönes Souvenir für uns.
Gegen 17.50 Uhr sitzen wir im ersten Zodiac zurück zur Hanseatic. Wir haben die Ehre, von Kapitän Gerke persönlich am Steuer des Außenborders gefahren zu werden und wir sind sogar die Einzigen im Boot. Zurück an Bord ziehen wir uns um, duschen und gehen in die Observation Lounge auf einen heißen Kaffee. Hier können wir die vielen Zodiacs beobachten, die die Passagiere von Grytviken zurückbringen. Es hat bestimmt keiner auf diesen Landgang verzichtet. Es ist ein weiteres Highlight auf dieser Reise.
Um 19.30 Uhr sind wir im Restaurant. Es gibt heute ein Abendessen mit einem Motto, das auch auf der Speisekarte so vermerkt ist. Es nennt sich das Shackleton Dinner. Es gibt einige Besonderheiten wie Jakobsmuscheln, Hirsch, Entenbrust und zum Nachtisch einen Schokoladenkuchen. Wie immer bleiben wir mit unseren Tischnachbarn fast bis zum Schluss hocken und verabschieden uns gegen 22 Uhr in die Kabine. Ich habe wieder jede Menge Chips zu überspielen, Fotos vom Navigationsbildschirm zu machen und das Tagesprogramm von morgen muss auch noch gelesen werden. Die MS Hanseatic bleibt in dieser Nacht wieder in der ruhigen Cumberland Bucht und für uns ist um 22.30 Uhr Bettruhe.

nächster Tag

 

 

 

 



Klick für große Bilder:

Stromness vor dem Bug

In der Bucht vor Grytviken

Anlandung in Grytviken

Strand voller Tiere

 

 

Kapitän Gerke am Grab

 

 

Anja am Grab von Sir Ernest Shackleton

 

 

Viel Schrott im Ort

 

 

Die Whalers Church

 

 

Weihnachtsandacht

 

 

Museum in Grytviken

 

 

Wrack und MS Hanseatic

 

 

Navigationsbilschirm