Anjas und Winfrieds Reiseseite
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Kanada in einem Zug

Von der Ostküste zur Westküste nur mit der Eisenbahn

Dienstag 17.08.2010

Zug "The Canadian" - Tag 3

Gegen 5.30 Uhr werde ich wach und mir geht der Sonnenaufgang des gestrigen Tages nicht aus dem Kopf. Also stehe ich auf und wasche mich so gut es eben hier in der Kabine geht. Mein Trost ist, dass dieser Umstand morgen das letzte Mal auf mich wartet. Dann ziehe ich mich an und gehe wieder in die Park-Car. Hier ist erneut kein Mensch anwesend und der Kaffee duftet wieder verführerisch. Da das Wetter eine dichte Wolkendecke bereithält, mache ich mich über den Kaffee her. Diesmal muss ein Blaubeermuffin dran glauben und danach noch ein paar Kekse. Die nächsten Stunden werde ich hier in der Park-Car verbringen, denn es gibt heute nur Brunch. Was das genau bedeutet, wissen wir nicht. Ein Mittagessen steht jedenfalls nicht auf dem Speiseplan von heute. Laut Fahrplan hat der Zug bereits hier an der Station Viking ca. 2 ½ Stunden Verspätung und wird nicht um 6.37 Uhr in Edmonton sein. Aber wir sind bereits in Alberta. Daher mache ich es mir in der ersten Reihe gemütlich und platziere einige Utensilien auf Anjas Sitz. So kann ich mir Nachschub an Kaffee und Plätzchen holen, ohne dass der Platz gleich weg ist. Da ich nicht in den Süden fahre und keine Badetücher auf Sonnenliegen lege, darf ich mir das hier einmal erlauben. Das ist zumindest meine Ausrede.
Lange bevor wir Edmonton erreichen, passieren wir bereits große Industrieanlagen. Um 7.40 Uhr sind wir in Glover Bar und sehen bereits die Vororte der Hauptstadt Albertas. Edmonton hat über 780.000 Einwohner und lebt hauptsächlich von der Ölindustrie. Diese holt hier in der Region das „schwarze Gold“ mit riesigem Chemieeinsatz aus dem Ölsand und verschandelt und verpestet dadurch große Gebiete dieses schönen Landes. Erst um 8.10 Uhr hält der Zug in einem großen Bahngelände. Überall stehen dutzendweise Lokomotiven herum, aber ein Bahnsteig oder gar ein Bahnhofsgebäude ist nicht zu erkennen. Nach 10 Minuten wird der Zug ganz langsam zurückgedrückt und erst nach weiteren 10 Minuten stehen wir mit dem Dome der Park-Car an so etwas wie einem Bahnsteig. Es gibt hier ein sehr kurzes Dach und ein Schild mit dem Stationsnamen Edmonton. Fast eine halbe Stunde wird mit dem Zug rangiert und es gibt erneut wie in Winnipeg keinen Strom.
Aber um 9.30 Uhr ist es soweit. Die Lichter gehen an und der Zug setzt sich in Bewegung. In der Dining-Car ist noch Platz und der Service soll in wenigen Minuten beginnen. Um 9.50 Uhr startet dann der Service, Anja wählt das Omlette mit Käse und Spinatfüllung und ich entscheide mich wieder für das traditionelle, amerikanische Frühstück mit Bratkartoffeln, Rührei, Bacon und weißem Toast. Dazu nehmen wir den sehr gesunden und wohlschmeckenden Cranberrysaft. An unserem Tisch sitzen diesmal Don und Kristen. Don ist Baseballschiedsrichter in der ersten Liga, Amerikaner und in Tennessee geboren. Er hat am Sonntag in Winnipeg ein Spiel gepfiffen und ist jetzt auf der Rückfahrt nach Vancouver, seinem neuen Wohnort. Kristen ist aus Schottland, mit der Schule fertig und besucht für ein halbes Jahr ihren Onkel, ebenfalls in Vancouver. Die Anreise mit dem Zug hat der Onkel spendiert.
Um 10.30 Uhr beenden wir den Brunch und gehen zurück zur Kabine. Ich will mich noch rasieren, denn das hätte heute am Morgen zu viel Lärm gemacht. Die Kabine ist immer noch nicht fertig. Keine Ahnung, was unser Steward so treibt. Ich rasiere mich trotzdem und danach gehen wir erneut in die Park-Car. Da es kein Mittagessen gibt, bleiben wir die nächsten Stunden hier und versorgen uns mit den Leckereien, die im Salon ausliegen. Gegen 11.20 Uhr passieren wir den Lake Wabamun und sehen ein großes Atomkraftwerk. Kurz nach eins fahren wir durch Edson, kurz vor drei durch Hinton. Der gespannte Blick in die Landschaft zeigt uns, dass sich der Zug den Rocky Mountains nähert. Es wird bergiger und die Strecke schlängelt sich öfter über Brücken und Flussläufe. Leider ist es sehr dunstig draußen, ja fast nebelig. Erst in Jasper werden wir den Grund dafür erfahren. Um 16 Uhr erfolgt die Lautsprecheransage, dass der Zug in ca. 20 Minuten in Jasper ankommen wird. Viele Passagiere der Sleeper Class werden den Zug hier verlassen und mit einem Leihwagen weiterfahren. Schließlich sind wir hier in einem der bekannten Nationalparks der kanadischen Westküste und es ist über den Icefields Parkway eine sehr schöne Fahrt zu den anderen Nationalparks wie Banff, Yoho und Kootenay.
Tatsächlich kommt der Zug erst um 16.30 Uhr in Jasper an. Wir sollten eigentlich bereits um 13 Uhr hier sein, aber bei immerhin bereits 3600 Kilometern auf der Schiene ist die Verspätung akzeptabel. Ich freue mich eigentlich über diese Zugverspätung, hoffe ich doch inständig, morgen früh bei Tagesanbruch schon genügend Licht fürs Filmen bei der Vorbeifahrt am Hell’s Gate am Fraser River zu haben. Aber erst einmal alle Mann raustreten zum Beinevertreten. Eine Ansage über den Bahnsteiglautsprecher verkündet jetzt eine Verkürzung der Aufenthaltszeit um 40 Minuten. Na, wird schon klappen mit dem Hell’s Gate. Wir laufen vor bis zum Baggage Claim. Hier treffen wir auf die Chemnitzer und auch die Österreicher stehen hier. Diese Miesepeter sind wir jedenfalls los. Jetzt aber grüßen wenigstens beide Männer sehr freundlich und sagen auf Wiedersehen, was wir genauso freundlich erwidern. Die Frauen bleiben nach wie vor stumm, uns gegenüber zumindest. Von den Tischnachbarn aus der Schweiz hatten wir erfahren, dass die Österreicher ebenfalls eine Schlafkabine bei ihrem Reisebüro gebucht hatten, dieses aber Mist gebaut hat und nur die Berth bestellt hat. Sie hatten es nicht gemerkt und erst in Toronto die böse Überraschung erhalten. Ich hatte allerdings die gebuchte Klasse auf unserem Voucher auch nicht erkannt und sofort bei unserem Reisebüro nachgefragt. Da kam sofort, keine 30 Minuten später die Antwort mit dem Hinweis, woran ich die gebuchte Klasse erkennen kann und war sofort beruhigt, dass wir in allen Zügen die erste Klasse haben. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist eben besser. Meine liebe Frau beschimpft mich manchmal als Kontrollfreak, das hat uns aber schon öfter eine unangenehme Situation erspart. Nachfragen kostet eben nichts.
Wir unterhalten uns noch mit den Chemnitzern und ich gebe ihnen unsere Visitenkarte mit der E-Mail. Dann müssen sie los zu ihrem Gepäck und wir streben nach der herzlichen Verabschiedung zu den Loks nach vorne. Es sind immer noch dieselben Lokomotiven, nur steht der Zug hier in Jasper günstiger für die mittlerweile reichlich ankommenden Fotografen. Aber es gibt genug Platz für alle. Nachdem die Aufnahmen im Kasten sind, trollen wir uns zurück zu unserem Wagen. Es ist nicht sehr angenehm hier draußen an der „frischen Luft“. Große Teile des Parks haben mit Waldbränden zu kämpfen und der „Nebel“ ist in Wirklichkeit der Rauch dieses Infernos. Gut das wir weiterfahren und nicht auch in die Nationalparks wollen. Am Zugang zum Bahnsteig ist für uns Schluss. Die Passagiere des Zuges dürfen nicht einsteigen. Man will vielleicht eine Vermischung mit den neuen Passagieren vermeiden, aber den Sinn sehen wir nicht.
Wir warten also geduldig auf die Öffnung des Zugangsgitters. Aber irgendwie sind die hier bei der Bahn nicht ganz dicht. Keine 20 Meter weiter ist der niedrige Zaun zu Ende und da gibt es eine ganz flache Rampe den halben Meter hinunter zum Bahnsteig. Das haben auch die anderen Reisenden erkannt und schlendern auf das Ende des Zaunes zu. Um 17.05 Uhr sind wir an unserem Wagen, aber es fehlen die gelben Höckerchen, die das Einsteigen erleichtern und die inneren Halbtüren sind auch noch zu. So schlau wie wir sind die hier bei Via Rail allemal. Also stehen wir jetzt immer noch vor dem Zug herum und können nicht hinein. Erst um 17.30 Uhr hat der Schaffner der Park-Car ein Einsehen und wir dürfen hier einsteigen. Juan, ein ganz unfreundlicher Kommisskopf, ich nenne ihn Drillsergeant wegen des Tonfalles, den er den Passagieren gegenüber anschlägt, hat an seiner Tür nur ein Ehepaar einsteigen lassen. Ich schnappe mir sofort meine Duschtüte und besetze die Duschkabine. Anja folgt mir nach und sauber und umgezogen gehen wir in die Park-Car.
Jetzt beginnt eigentlich der interessanteste und schönste Teil der gesamten Strecke. Wegen der Verspätung wird es jetzt aber bereits dämmrig zwischen den hohen Bergen. Am Yellowhead-Pass beginnt eine neue Zeitzone und der Mount Robson Park, in dem der höchste Berg British Columbias steht. Das ist mit 3954 Metern der besagte Mount Robson. Wir sind 2002 und 2006 bereits hier gewesen, aber jedes Mal hat der Berg seinen Gipfel vor unseren Blicken in den Wolken versteckt. Ach ja, kurz hinter Jasper sind wir im letzten Bundesland Kanadas, British Columbia, angekommen und haben sämtliche Uhren erneut um eine Stunde, jetzt auf Pazifikzeit, umgestellt.
Leider ist die Park-Car rappelvoll. Kein Platz im Dome und im Salon. Da ich aber den Berg unbedingt filmen möchte, machen wir uns auf den Weg zur nächsten Dome-Car hinter der Dining-Car. Auch deren Dome ist voll besetzt. Da fällt mir ein, dass bereits in Winnipeg ein neuer Wagen in die Mitte des Zuges eingestellt wurde. Von weitem sah er wie ein Panoramawagen aus. So wie einer des Rocky Mountaineers mit voll verglastem Dach. Das berichte ich Anja und wir machen uns sofort auf den mühsamen Weg wieder weitere 8 Wagen nach vorne. Aber der Weg hat sich gelohnt. Es ist ein Panoramawagen und er ist ganz neu und auch fast leer. Wir suchen auf der rechten Seite einen günstigen Platz ohne Dachstreben und warten. Es ist eine wunderschöne Fahrt, kaum das man Worte dafür findet. Auf der linken Seite steht die Sonne im dunstigen Gegenlicht und malt schöne Farben in den Fluss und die vorbeihuschenden Seen. Auf der rechten Seite wachsen die Bergmassive immer höher hinaus.
Um 18.10 Uhr ist es soweit. Wir sehen den Mount Robson frei und ohne Wolken, aber leider nur schwach durch den Rauch der Waldbrände. Aber immerhin haben wir einen Blick auf den Gipfel erhaschen können. Bilder und Videoaufnahmen sind auch einigermaßen geworden. Wir schlendern zurück zu unserer Kabine. Hier suche ich mein Diktiergerät und kann es nicht finden. Katastrophe!!! Ich laufe sofort und so schnell es geht zurück in den Panoramawagen, kann das Gerät aber nicht finden. Ich mache mich frustriert auf den Rückweg als mir einfällt, dass ich mich ja nach dem Duschen umgezogen hatte. Vielleicht ist es ja in dem T-Shirt, welches ich vorher getragen hatte. Und so war es auch - Plumps.
Um 18.55 Uhr ertönt der Second Call for Dinner. In der Dining-Car angekommen müssen wir feststellen, dass die Zahl der Passagiere nicht abgenommen hat. Wir bekommen einen Platz auf der rechten Seite und sitzen mit einem neuen Ehepaar aus South Dakota zusammen. Diesmal nehmen wir die Atlantic Fish Chowder, da wir mit der Soup of the Day eine schlechte Erfahrung gemacht hatten. Als Hauptspeise wählt Anja das Rack of Lamb mit einem Kartoffelsalat, ich nehme den Ahorn-Lachs im Brotteig. Beides schmeckt sehr gut. Schließlich ist es auch unsere sogenannte Henkersmahlzeit. Als Nachspeise gibt es ein Eis für Anja und erneut den sehr leckeren Himbeer-Schokokuchen mit Schokolade. Dazu Kaffee und erneut ein sauteueres Fort Garry Pale Ale für 20 Dollar incl. Tax and Tip. Die Pyramid Falls haben wir während des Dinners verpasst. Ersten hat die Zugansagerin zu spät reagiert und zweitens liegen diese auf der linken Seite, und wir sitzen rechts.
Gegen 20.10 Uhr sind wir zurück in unserer Park-Car. Die ist immer noch voll oder schon wieder. Egal, es gab nur noch im Salon Platz. Da es bereits dunkel ist, gehen wir lieber in die Kabine zurück und kopieren erneut die reichlich angefallene Datenflut. Um 21.45 Uhr stelle ich die Uhr erneut um. Heute ist mir klar, ich habe eine Ansage der Dining-Car Chefin falsch verstanden und damit einen Fehler gemacht. Das wird uns am nächsten Morgen noch ein paar Probleme bereiten. Den Wecker stelle ich mir auf 5.30 Uhr, weil ich auf keinen Fall das Hell’s Gate verpassen will. Da ich mit dem Fahrplan und der Verspätung des Zuges herumgerechnet habe, müsste das passen. Na, mal sehen. Gute Nacht.

nächster Tag

 

 

 

 



Klick für große Bilder:

Loks in Edmonton

Hauptstadt Albertas

Brunch am 3. Tag

Purserette

 

 

Vor den Rockies

 

 

Begegnung

 

 

Kurz vor Jasper

 

 

Bahnhof Jasper

 

 

Dieselelektrische Loks

 

 

Groß und klein

 

 

Zufriedene Reisende

 

 

Panoramawagen 1

 

 

Panoramawagen 2

 

 

Mount Robson