Anjas und Winfrieds Reiseseite
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Kanada in einem Zug

Von der Ostküste zur Westküste nur mit der Eisenbahn

Montag 16.08.2010

Zug "The Canadian" - Tag 2

Die zweite Nacht in diesem Zug ist vorbei und wir haben uns schon ein wenig an das ungewohnte Schlafen gewöhnt. Dennoch sind wir ein paar Mal aufgewacht, aber gleich wieder eingeschlafen. Den zwanzigminütigen Aufenthalt in Sioux Lookout um 0:56 Uhr haben wir nicht mitbekommen. Auch den Grenzübertritt zwischen Ontario und Manitoba haben wir verpennt.
Kurz vor 6 Uhr stehe ich auf, reinige mich wieder so gut es eben hier geht und überlasse dann Anja das kleine Waschbecken. Mit der Kamera bewaffnet strebe ich sofort in die Park-Car. Hier ist noch kein Mitreisender und ich habe den Wagen für mich alleine. Aber der Kaffee ist schon zubereitet und duftet verführerisch. Davon lasse ich mich aber erst einmal nicht beeindrucken, da ein Blick nach draußen mich fast umhaut. Die Sonne ist erst vor wenigen Minuten aufgegangen und brennt blutrot zwischen lockeren Wolkenstreifen ein gewaltiges Feuerwerk an Farbspielen ab. Ich habe immer ein sehr kleines Stativ dabei und schraube es sofort an die Kamera, die ich auf die Ablage am Heckfenster des Wagens stelle. Nachdem ich mich erneut durch das Menü der manuellen Einstellungen gequält habe, gelingen mir im Gegenlicht sensationelle Video- und Fotoaufnahmen. Erst danach nehme ich mir den duftenden Kaffee, erneut einen Nussmuffin und setze mich in den Dome der Park-Car.
Um 6.55 Uhr bin ich wieder bei Anja und wir gehen zum Frühstück. Das ist wegen der Ankunft in Winnipeg heute vorgezogen worden. Wir frühstücken wie gestern auch und sind bereits um 7.35 Uhr wieder in unserer Kabine. Der Zug steht vor der Hauptstadt Manitobas schon eine ganze Zeit herum und hat wohl keine Einfahrt. Das erleichtert uns das Umziehen für die Stadtrundfahrt. Da es scheinbar gnadenlos heiß draußen ist, der Himmel ist wolkenlos, wählen wir die kurzärmelige Variante unserer Kleidung. Im Zug ist das wegen der Klimaanlage immer ein Risiko. Nachdem wir uns unfallfrei umgezogen haben, ruckelt der Zug an und fährt pünktlich um 8 Uhr in Winnipeg ein. Wir wollen natürlich sofort aussteigen, haben aber nicht mit der Provinzhaftigkeit des Hauptbahnhofes der Landeshauptstadt von Manitoba gerechnet. Die letzten fünf Wagen des Zuges stehen außerhalb des Bahnsteiges und wir müssen tatsächlich durch die Waggons bis zu einer offenen Tür hinter der nächsten Dome-Car laufen. Erst 15 Minuten später gelangen wir am Zug entlang und an der Rolltreppe nach unten in den Bahnhofsbereich. Hoffentlich ist der Bus noch da und zwei Plätze für uns frei. Aber der Betreuer der Rundfahrt kennt das Problem schon und wartet natürlich auf die letzten Passagiere. Wir zahlen die 60 Dollar bar und verlassen das Gebäude durch den Hinterausgang. Hier treffen wir wieder auf die Chemnitzer und unterhalten uns. Sie fahren nicht mit dem Bus, sie wollen sich lieber die Stadt zu Fuß ansehen.
Gegen 8.30 Uhr öffnet der Busfahrer die Vordertür, nordamerikanische Busse haben nur Vordertüren, und wir stehen so günstig, dass wir die erste Bank hinter dem Fahrer ergattern. Bereits um 8.35 Uhr beginnt bei warmen Temperaturen und strahlendem Sonnenschein unsere Stadtrundfahrt. Zunächst geht es durch einige Vororte und am Bahnhof der Canadian Pacific vorbei. Die konkurrierende Eisenbahnlinie hat hier in Winnipeg tatsächlich einen eigenen Bahnhof, allerdings nur für Güterzüge. Danach werden wir durch die Innenstadt gefahren und an einem roten Backsteinhaus bekommen wir erklärt, dass hier der Film „Darf ich bitten? – Shall We Dance?“ mit Richard Gere gedreht wurde. Um 9.05 Uhr hält der Bus zum ersten Mal am Parlamentsgebäude von Manitoba. Hier sitzt die Provinzregierung in einem imposanten Gebäude. Fast 20 Minuten erklärt der Betreuer in englischer Sprache die Geschichte des Landes. Das ist uns viel zu anstrengend und wir setzen uns ein wenig ab, um zu filmen und zu fotografieren. Danach geht es weiter zunächst durch die Stadt und dann über den Assiniboine und den Red River zum zweiten Stopp. Hier hält der Bus an einem Friedhof und der St. Bonifazius-Kirche. Auf dem Friedhof folgt die nächste, lange Erklärung. Sehr störend ist allerdings ein Mann mit Laubbläser, der auf der gegenüber liegenden Straßenseite ein Gartengrundstück säubert. Warum dieser blöde Typ das im August schon macht, bleibt ein Rätsel. Ich kann jedenfalls kein aufgewirbeltes Laub erkennen. Vielleicht hat er auch Krach mit dem Busunternehmer, weil er sofort aufhört, als wir zur Kirche gehen. Der Tour-Guide lässt sich aber davon nicht stören und erzählt fast 15 Minuten bei dem Krach seine Geschichten über die hier begrabenen Helden Winnipegs.
Danach wenden wir uns der Kirche zu, von der allerdings nur noch die Fassade steht. Die Kirche fiel 1968 einem verheerenden Brand zum Opfer und wurde nicht wieder aufgebaut. Dahinter hat man allerdings eine neue, moderne Kirche errichtet, deren beste Einrichtung die Toilette ist, die ich sofort erspähe, ehe die anderen Teilnehmer aufmerksam werden. Nach dieser Wohltat kann ich dann ganz entspannt dem weiteren Vortrag unseres Rundfahrtleiters lauschen.
Gegen 10.30 Uhr sind wir am dritten und letzten Zwischenstopp der Rundfahrt. Ganz in der Nähe des Bahnhofes steht der „The Forks Market“. Im Außenbereich dieser kleinen Einkaufshalle gibt es einen Pegel für die Hochwasser der Jahre seit der Existenz dieser Stadt. Der Begleiter muss sich schon auf den Sockel des Pegels stellen, um an die oberste Marke heranzureichen. Hier am Zusammenfluss der beiden mächtigen Flüsse kommt es im Frühjahr immer mal wieder zu hohen Wasserständen. Hinter der Einkaufsmeile gibt es noch einen schönen Naturgarten, für dessen Besichtigung aber leider nicht mehr sehr viel Zeit verbleibt. Genau um 11 Uhr werden wir wieder am Hinterausgang des Bahnhofs abgesetzt. Da die Rolltreppen gesperrt sind, treiben wir uns noch im und vor dem Bahnhof mit unseren Kameras herum. Um 11.13 Uhr beginnt das Boarding für die neuen Passagiere. Die Halle ist voll mit lärmenden Jugendlichen und es dauert eine ganze Weile, bis wir an die Rolltreppe vorgedrungen sind. Ich hatte einige Bedenken, weil unsere Fahrkarten in der Kabine geblieben sind, aber wir dürfen auch ohne Papiere passieren.
Oben auf dem Bahnsteig wenden wir uns in Richtung der Loks. Leider werden wir zurückgeschickt, da diese außerhalb des Bahnsteiges stehen. Wegen der vielen Jugendlichen, die wohl ein Sommerferienlager beendet haben, wurde der Zug um weitere 6 Wagen ergänzt und hat jetzt 30 Waggons. Wir wenden uns wieder nach hinten in Richtung unserer Kabine und diesmal steht der Zug tatsächlich am Bahnsteig. Nur die letzte Park-Car befindet sich dahinter, aber da steigt sowieso niemand ein. In der Kabine hänge ich meinen Akku ans Ladegerät und begebe mich mit Kamera und Zweitakku zur Park-Car in den Dome. Hier ist schon reichlich Betrieb und die erste Reihe ist bereits besetzt. Ärgerlich, will ich doch die Ausfahrt des Zuges aufnehmen. Aber daraus wird vorerst nichts, denn der Zug steht. Die Abfahrt verzögert sich und Strom gibt es mittlerweile auch keinen mehr. Die Lampen sind jetzt aus und die Klimaanlage macht keinen Lärm. Sie kühlt natürlich nicht und schnell wird es im Glasdome sehr stickig und heiß. Ich will meinen Sitzplatz aber auch nicht hergeben, weil ich ja nach vorne möchte, wenn der Zug abfährt.
Um 12.30 Uhr ist es dann soweit. Erst gehen die Lampen an, dann lärmt die Klimaanlage los und 3 Minuten später ruckt der metallene Lindwurm an. Vom Mittelgang aus kann ich, ohne die anderen Passagiere zu stören, die Ausfahrt aus Winnipeg filmen. Danach gehe ich zu Anja ins Abteil zurück, wasche mich noch einmal und ziehe ein neues Hemd an. Es war sowohl in der Stadt als auch im Dome sehr warm. Um 14.15 Uhr erfolgt der „Second Call“, der Aufruf zur zweiten Sitzung des Mittagessens. Wir finden einen Platz am Tisch eines Ehepaares aus der Schweiz und es tut gut, mal wieder in Heimatsprache eine Unterhaltung zu führen. Als Vorspeise nehmen wir die Spargelcremesuppe und als Hauptgericht das „Hot Roast Beef“, ein Filetgulasch, in einer Brotschale, die sich Yorkshire Pudding Bowl nennt. Nur der obenauf liegende Meerrettichkäse schmeckt nicht, aber den kann man an die Seite legen. Zum Nachtisch gibt es wieder Kirscheis mit Kaffee.
Um 15 Uhr sind wir zurück in der Kabine und ich baue um. Die beiden Sessel stelle ich so gegeneinander, dass Anja sich bequem setzen und ihre Beine auf die Sitzfläche legen kann. Ich schnappe mir unsere aufblasbaren Kissen und lege mich auf den Fußboden. Ich habe es tatsächlich geschafft, über eine dreiviertel Stunde zu schlafen. Mittlerweile sind wir hinter Rivers und im Bundesstaat Saskatchewan. Wir entern erneut die saubere Duschkabine und gehen gegen 17.30 Uhr in den Dome. Hier sehen wir mit Erläuterung die größten Pottascheminen der Welt. Die aufgeschütteten Halden des Kaliumcarbonats sind schon enorm, aber die Bahnlogistik an den Minen ist fast noch beeindruckender. Hunderte, wenn nicht tausende Güterwaggons stehen bereit, das geförderte Material für die Glas- und Farbenherstellung zu den Welthäfen Kanadas zu transportieren. Da das Wetter mittlerweile wieder schlechter ist, gehen wir zurück in das Abteil und machen uns für das zweite Dinner fertig. Es gibt eine weitere Lautsprecherdurchsage wegen des Frühstücks morgen. Da soll es ab 7.30 Uhr einen Brunch geben. Was das genau bedeutet müssen wir noch in Erfahrung bringen. Gegen 18.25 Uhr hält der Zug für 10 Minuten in Melville und 20 Minuten später werden wir per Lautsprecher zum Dinner gerufen.
Anja entscheidet sich für die Soup of the Day, heute eine Zwiebelsuppe, und ich nehme bereits zum dritten Mal die Atlantic Fish Chowder, weil die mir sehr gut schmeckt. Zur Hauptspeise hat sich Anja den „Grilled Arctic Char with Pickled Onions“ ausgesucht. Das ist ein lachsartiger Seesaibling, auch Wandersaibling oder Rotforelle genannt. Auch dieser Fisch ist wieder zu trocken gebraten. Ich nehme das mit Honig glasierte Schweinefilet mit dem Kartoffelpüree, was mir wieder ausgezeichnet schmeckt. Zum Nachtisch nehmen beide den angefrorenen Himbeer-Schokoladenkuchen mit Kaffee. Wir bezahlen wieder den horrenden Preis für zwei Bier der Sorte „Fort Garry Pale Ale“ und gehen zurück in die Kabine und weiter zum Dome der Park-Car. Der ist knallvoll und wir setzen uns in den Salon. Das macht hier unten aber keinen richtigen Spaß und so gehen wir in unser Abteil. Das ist jetzt um 20.45 Uhr natürlich schon in Schlafstellung gebracht worden und wir machen es uns „unbequem“. Die Abdeckung des Waschbeckens muss erneut als Computertisch herhalten und ich kopiere wieder alle erzeugten Daten des Tages auf die beiden Festplatten. Danach stelle ich erneut die Uhren der Kameras und der Armbanduhr um, denn zwischen 2.30 Uhr und 3.15 Uhr wechseln wir erneut die Zeitzone. Dann sind wir in der Mountain Time Zone und bereits kurz vor Edmonton. Aber davor liegt noch eine ganze Nacht, die wir um 22.15 Uhr mit der Bettruhe beginnen. Selbst den halbstündigen Aufenthalt in Saskatoon um 23.22 Uhr verschlafen wir bereits.

nächster Tag

 

 

 

 



Klick für große Bilder:

Sonnenaufgang

Stauraum

Stadtrundfahrt

Gruppe mit Tour-Guide

 

 

Parlamentsgebäude

 

 

Blick aus dem Bus

 

 

Winnipeg am Red River

 

 

Kirche St. Bonifazius

 

 

Hochwassermarke

 

 

Bahnhof in Winnipeg

 

 

The Canadian

 

 

Salon der Park-Car

 

Dinner am Abend