Anjas und Winfrieds Reiseseite
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Der Westen Kanadas

vom 20. Juli bis 06. August 2006

Tag 26 - Mittwoch 02. August 2006

Tofino - Walbeobachtung

Es ist 7.30 Uhr und wir werden wieder von unserer Piepmaschine geweckt. Heute haben wir volles Programm, zum letzten Mal auf unserer fast vierwöchigen Reise. Zuerst der Flug über den Pazifik zu den Grauwalen und direkt danach die Bootsfahrt auf dem Pazifik zu vielen verschiedenen Tieren, hauptsächlich aber Wale. Da wir gestern Gutscheine an der Rezeption bekommen haben, ist unser Frühstück im Preis inbegriffen. Um 8.45 Uhr machen wir uns auf den Weg in den „Great Room“. Wir haben auf einen schönen Fensterplatz um diese späte Zeit spekuliert, aber leider müssen wir mit der zweiten Reihe vorlieb nehmen. Das Frühstücksbuffet dagegen ist wirklich Spitze. Es gibt alles, was das Herz begehrt. Eier, Speck, Kartoffeln, Obstsalat, Joghurt und Quark und sogar Brötchen stehen zur Wahl. Wir lassen uns das Frühstück schmecken und unser Blick geht immer in Richtung Pazifik. Es ist das absolute Topwetter. Keine Wolke am Himmel, leichter Seegang und die ersten Surfer sind schon unterwegs auf den Wellen. Postkartenmotivwetter. Das Frühstück beenden wir um 9.30 Uhr und holen unsere Kameras vom Zimmer.
Der Weg zum Strand ist kurz, nur über die Terrasse, zehn Meter nach links und fünfzig Meter über eine zwei Meter hohe Sanddüne und wir sind am Strand. Vor uns beginnt eine Gruppe Surfschüler mit dem Stretching und dem Aufwärmprogramm. Sie liegen auf dem Sand und machen Schwimmbewegungen. Die Wellen rauschen leise dazu, hier möchten wir nicht wieder weg. Nachdem wir etwas gefilmt und fotografiert haben, trennen wir uns schweren Herzens von dieser einmaligen Kulisse und fahren in den Ort Tofino. Um 10.55 Uhr bekommen wir einen Parkplatz, der aber das Parken nur für zwei Stunden erlaubt. Egal, wir können das Auto später immer noch umsetzen. Da wir noch etwas Zeit haben, laufen wir die Main Street noch in der Hoffnung entlang, für Anja eine Toilette zu finden. Vor dem 45 Minuten langen Flug möchte sie sich lieber Erleichterung verschaffen. Wir finden aber nichts. Um 11.15 Uhr sind wir bei Atleo Air Service. Wir fragen direkt nach einer Toilette und die ist auf einem anderen Steg etwas weiter weg. Anja macht sich sofort auf den Weg und ich zücke die Kreditkarte. Nachdem das Geschäftliche erledigt ist, steige ich die steile Holztreppe hinab und stehe bald vor einer DeHaviland Beaver.
Eine saubere, gepflegt aussehende Maschine und ich freue mich schon auf den Flug. Nachdem ich sie schon mal gefilmt habe, höre ich Motorengeräusche, die immer näher kommen. Ein kleineres Wasserflugzeug nähert sich dem Steg und legt an. Der Pilot klettert heraus, kommt auf mich zu und stellt sich vor. Leider habe ich seinen Namen vergessen und ihn auch nicht notiert. Anja ist immer noch nicht da und ich filme inzwischen das kleine Flugzeug. Um 11.35 Uhr ist Anja da, es war ein langer Weg zu dem anderen Steg und ihr Fuß ist eben noch nicht in Topform. Wir steigen ein. Ich sitze vorn neben dem Piloten und Anja hat hinten alle Fenster auf beiden Seiten für sich zum Fotografieren.
Der Motor startet und das Flugzeug legt ab. Der Pilot fragt uns, was wir gerne sehen möchten. Ich sage ihm, dass wir nur an Grauwalen interessiert sind. Das geht in Ordnung, er kennt zwei Buchten, in denen sich um diese Jahreszeit immer Grauwale aufhalten. Er steuert nach kurzer Zeit die Maschine in den Wind und gibt Vollgas. Langsam nimmt das Wasserflugzeug Fahrt auf und hebt ab. Das Brüllen des Motors wird leiser und wir gewinnen an Höhe. In gut dreihundert Metern über dem Meeresspiegel fliegen wir in nordwestliche Richtung. Unter uns sehen wir viele kleine Felsen und Inseln aus dem Meer ragen. Hin und wieder auch mal eine etwas größere mit einem traumhaften, menschenleeren Sandstrand. Hier hat man das Paradies erfunden.
Nach 15 Minuten absolut traumhafter Flugzeit dreht unser Pilot plötzlich bei und wir werden aus allen Träumen gerissen. Er geht etwas tiefer und fängt an, kleinere Kreise zu fliegen. Unter uns im Wasser sehen wir tatsächlich die ersten Grauwale. Es sind drei Tiere, die immer wieder im flachen, küstennahen Wasser zum Atmen an die Oberfläche kommen. Aus der Luft sieht man die ganze Größe dieser imposanten Tiere. Auftauchen, ausblasen und wieder abtauchen. Insgesamt fünf Runden fliegt unser Pilot. Leider kann man immer nur maximal 2/3 einer Runde filmen, das andere Drittel wird von der Sonne im Gegenlicht und den Reflexionen des Wassers überstrahlt. Unser Pilot sagt uns, es gibt noch eine weitere Bucht mit Walen, zu der er jetzt noch fliegt.
Wieder sehen wir traumhafte Inseln und sogar einen Leuchtturm an der Küste. Die Bucht ist erreicht und sofort fängt der Pilot an zu kreisen. Hier gibt es tatsächlich mehr Wale, an die zehn bis zwölf Tiere. Genau kann man das nicht feststellen, da wir immer im Kreis fliegen. Aber ich habe bis zu drei Tiere gleichzeitig gefilmt. Ich hätte nie gedacht, dass das Filmen aus einem Flugzeug so schwierig sein kann. Auf allen Flügen vorher hatte alles prima geklappt und die Aufnahmen waren sehr gut geworden. Aber hier muss ich fast senkrecht nach unten auf eine spiegelnde Wasserfläche filmen. Dazu kommt noch die Strebe, die die Tragfläche stützt und immer ins Bild gerät und die Schärfe wegzieht. Wenn ich jetzt noch an der Kamera herumfummle, um die Automatiken abzuschalten, sind wir wieder auf dem Rückflug und ich habe keine gescheiten Aufnahmen. Also nehme ich das, was ich habe und muss damit zufrieden sein. Anja geht es ebenso. Sie hat überwiegend unscharfe Aufnahmen, weil sich die Motivsituation andauernd ändert und jegliche Zeit fehlt, um die nötigen Einstellungen an der Kamera zu machen. Da sind Autofokus und Automatik schlicht fehl am Platze. Aber einige Bilder gelingen doch und so haben wir wenigstens etwas zum Vorzeigen.
Nach einer halben Stunde steuert unser Pilot wieder auf Heimatkurs. Ich habe nun Zeit, mir das Cockpit der Maschine genauer zu betrachten. Dabei fällt mir auf, das in der rechten Tragfläche, also die Seite, auf der Anja und ich sitzen, kein Sprit im Tank ist. Nur der Tank der linken Tragfläche ist voll. Hat wohl irgendwas mit Balance zu tun, denke ich. Der Pilot fliegt an Tofino vorbei in südliche Richtung. Genau über der Bucht, an der unser Hotel liegt, dreht er bei und steuert wieder nach Norden. Jetzt haben wir unser Lodge Resort auch mal von oben gesehen. Die Maschine verliert langsam an Höhe und zwischen zwei Inseln hindurch setzt der Pilot zur Landung an. Nach genau fünfundvierzig Minuten setzt die Maschine mit ihren Pontons wieder in der Bucht vor Tofino auf der Wasseroberfläche auf. Dieser wunderschöne Flug bei tollem Wetter und mit guten Ergebnissen ist leider viel zu schnell vorbei. Nach der Landung verabschieden wir uns vom Piloten und marschieren in den Ort.
Wir brauchen jetzt etwas Festes zwischen die Zähne. In einer Bäckerei auf der Campbell Street kaufen wir ein gefülltes Calzonebrötchen, das wir uns teilen. Für den Nachmittag nehmen wir noch ein Stück Kuchen mit. Um 13.05 Uhr machen wir uns auf den Weg zu Ocean Outfitters. Nachdem das Geschäftliche erledigt ist, müssen wir noch bis 13.45 Uhr warten. Wenigstens gibt es hier gute Washrooms. Um 13.45 Uhr sagt man der wartenden Truppe, dass es erst um 14 Uhr losgeht. Um 14 Uhr dann erneut eine Meldung: Es gibt Probleme mit einem Boot, die Tour soll erst um 14.30 Uhr starten. Mir schwant Fürchterliches. Wie schon erwähnt, hatte ich vor der Reise im Internet nach diesen Touren gesucht. Dabei bin ich in Reiseberichten anderer Touristen ebenfalls auf Ungereimtheiten bezüglich der Bootstouren hier in Tofino gestoßen. Darin wurde mehrfach berichtet, dass kurz vor Beginn einer Bootstour diese mit zum Teil fadenscheinigen Begründungen abgesagt wurde. Das Geld war kassiert, man vertröstete die Kunden auf den nächsten Tag, wohl wissend, dass die dann bereits wieder abgereist sind. Da die meisten mit Kreditkarte bezahlt haben, ist eine Geldrückzahlung dann nicht möglich. Ganz schön mieser Trick, der hier scheinbar durchweg praktiziert wird. Entsprechen massiv treten wir dem Bootseigner entgegen und er verspricht, für ein Ersatzboot zu sorgen. Nach einer weiteren halben Stunde kommt dann die junge Lady aus dem Office und holt uns ab. Wir müssen den steilen Berg hinunter zur Anlegestelle für die Boote. Hier geleitet sie uns zu einem Wrack.
Es ist ein Aluminiumboot mit festem Aufbau und zwei Sitzreihen für zwölf Passagiere. Die Sitze sind teilweise zerfetzt, die Scheiben fast undurchsichtig blind. Vom Dach über dem Steuerrad hängen jede Menge Kabel lose herunter, manche sind blank verdrillt, manche enden ohne weitere Verbindung. Rettungsringe oder Westen suchen wir vergeblich. Wir schauen uns an und wären am liebsten wieder von Bord gegangen. Aber damit hätten wir ja auf unser Geld verzichtet. Also lieber im Pazifik ersoffen als um 169 Dollar ärmer. Der Schiffsführer ist ein stämmiger First Nation mit riesigen Muskelpaketen. Es startet die Außenbordmotoren und legt ab. Zuerst zeigt er uns, was seine Schrottkiste so drauf hat. Er rast mit Vollgas in die Bucht hinaus. Wenigstens die Motoren scheinen in gutem Zustand zu sein. Nach wenigen Metern sind die seitlichen Scheiben schon vollgespritzt und bieten keine ungetrübte Sicht mehr nach draußen. Nach ein paar Minuten Raserei wird das Boot langsamer und wir bekommen ein Adlernest gezeigt. Weiter geht es in der Bucht zu Steller Seelöwen, die faul auf den Felsen herumliegen und uns genervt anblöken, weil wir ihnen wohl zu nahe sind. Nach dreißig Minuten in der Bucht wird es dann ernst.
Der Schiffsführer steuert auf den Pazifik hinaus. Hinter dem letzten Felsen merken wir plötzlich den Wind. Auch werden die Wellen immer höher. Da das Filmen von innen wegen der Scheiben nichts bringt, gehe ich nach hinten, wo es ca. zwei Quadratmeter freien Platz gibt. Hier ist rechts eine Metallleiter angebracht, über die man auf das Dach gelangt. Um den einen Holm schlinge ich meinen linken Arm, den Tragegurt der Kamera lege ich um den Hals und mit der rechten Hand versuche ich verzweifelt zu filmen. Aber weder bei Fahrt noch bei Stillstand des Bootes sind Aufnahmen möglich. Das Boot dümpelt auf und ab, rollt von links nach rechts. Dabei einen Buckelwal zu filmen ist einfach unmöglich. Gesehen haben wir viele Tiere, auch mit schönen Tales (siehe Alaska – Seward), aber auf Band habe ich hinterher keinen Einzigen entdeckt. Anja hat das Fotografieren schon viel früher eingestellt.
Sie sitzt auf ihrer zerschlissenen Bank und kaut heftig auf ihrem Kaugummi. Der Kopf ist gesenkt und sie ist nicht ansprechbar. Das kenne ich von einem gemeinsamen Angelausflug mit Martin auf die Nordsee. Ich setze mich neben sie und halte zum Trost ihre Hand. Langsam aber sicher macht sich auch bei mir ein komisches Gefühl in der Magengegend bemerkbar. Auch ich habe dieses Gefühl schon einmal erlebt. In den 70er Jahren ebenfalls beim Hochseeangeln vor Scheveningen. Damals war ebenfalls starker Wind und so hoher Wellengang, dass mir das Essen aus dem Gesicht gefallen ist. Da ich draußen mit der Kamera nichts erreiche, setze ich mich neben Anja und wir leiden gemeinsam still vor uns hin. Mein Übelkeitsgefühl wird immer stärker und ich versuche krampfhaft, an etwas anderes zu denken. Nur mühsam kann ich den Brechreiz unterdrücken. Ich schließe die Augen und halte den Kopf gesenkt. Hin und wieder blicke ich hoch und sehe ab und zu noch andere Schiffe um uns herum auf dem Ozean, die ebenfalls Fotojagd auf Wale machen. Einmal kann ich ganz nahe die Rückenflosse und die Schwanzflosse eines Buckelwales sehen, ehe mich meine Magengrube wieder an mein Elend erinnert. Nach weiteren endlosen Minuten fällt mir die Stille an Bord auf. Ich schaue nach oben und bemerke, dass fast alle anderen Mitreisenden auf dem Boot unsere Kopf- und Sitzhaltung eingenommen haben. Nur zwei Teenager in der ersten Reihe neben dem Bootsführer schauen noch interessiert auf das Meer hinaus. Ich beobachte, wie der First Nation etwas zu den jungen Leuten sagt und mit dem Kopf seitlich nach hinten nickt. Die stimmen ihm zu und er nimmt Kurs auf die Küste mit voll aufgedrehten Motoren. Er hat die Stille ebenfalls bemerkt und dass fast allen schlecht ist.
Nach nur zwei Stunden ist die Fahrt somit zu Ende. Wir verzichten sehr gerne auf das restliche Drittel der Fahrt und sind froh, bald wieder festen Boden unter unseren Füßen zu haben. Um 16.35 Uhr ist es soweit, wir stehen wieder an Land und müssen nur noch den extrem steilen Berg zu unserem Auto hoch keuchen. Aber auch das ist bald geschafft und um 17 Uhr sind wir im Hotelzimmer. Uns ist jetzt nach gar nichts zu Mute und so legen wir uns ins Bett. Anja steht um 19 Uhr auf und kocht uns einen Earl Grey Tee und wir essen unser Teilchen. Danach duschen wir und ziehen vernünftige Kleidung an, da wir wieder in den „Great Room“ wollen. Hier bekommen wir einen sehr schönen Fensterplatz direkt neben der Balkontür. Wir bestellen zwei dunkle Ale und Anja frittierte Krabben. Ich nehme eine Cinnamonsuppe und bestelle eine Lachs-Ziegenkäseplatte mit Honig-Onions, aber für uns beide. Später, gegen 21 Uhr, sehen wir noch einen schönen Sonnenuntergang. Im Laufe des schönen, gemütlichen Abends müssen noch zwei helle Biere ihr kurzes, überschäumendes Leben lassen. Nach fast zwei Stunden Gemütlichkeit zieht es uns um 22 Uhr zurück auf unser Zimmer. Wir lesen noch fast eine Stunde und ich plane die Route für den nächsten Tag. Bei schönem Wetter wollen wir wieder mit der Fähre von Mill Bay nach Brentwood Bay fahren. Mal sehen. Um 23.10 Uhr ist dann für heute Schluss.





 

 

 

 



Klick für große Bilder:


Am Office von Seaplane Safari


Wasserflugzeug


Traumhafter Pazifik


Cockpit

 

 


Wo findet man solche menschenleeren Buchten?

 

 


Grauwal 1

 

 


Grauwal 2

 

 

Grauwal 3

 

 

Lighthouse - Leuchtturm

 

 

Unser Pilot

 

 

Tankanzeige

 

 

Anflug auf Tofino

 

 

Gelandet

 

 

Warten auf die Bootsfahrt

 

Seelenverkäufer

 

Sonnenuntergang der Zweite

 

Gibt es etwas Schöneres?