Anjas und Winfrieds Reiseseite
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Der Westen Kanadas

vom 20. Juli bis 06. August 2006

Tag 22 - Samstag 29. Juli 2006

Jasper - Wells Gray Provincial Park

Heute ist ein reiner Fahrtag, an dem wir 345 Kilometer zurücklegen müssen. Deshalb piept der Wecker auch erst um 7.45 Uhr. Nach dem ich durch das Badezimmer bin, telefoniere ich mit Mutter. In Deutschland ist jetzt später Nachmittag, denn wenn wir erst unterwegs sind, haben wir kein Telefon mehr greifbar und am Zielort ist es in Europa tiefe Nacht. Zu Hause ist alles in bester Ordnung und so gehen wir um 8.45 Uhr zum Frühstück. Anja nimmt das Early Morning Over Easy Frühstück, ich bestelle das Rocky Mountain Breakfast. Wir bleiben noch etwas länger sitzen und lassen uns noch weiter Kaffee nachschenken. Irgendwie haben wir keine Lust, die Rocky Mountains heute zu verlassen. Es gefällt uns hier eben sehr gut und der Abschied fällt einfach schwer. Wir wissen natürlich, dass wir noch schöne und erlebnisreiche Tage vor uns haben, aber ein bisschen Wehmut muss eben mal sein. Um 9.30 Uhr bringe ich die gepackten Koffer zum Auto und wir fahren zur Rezeption zum Auschecken. Für die Reinigung, zweimal Abendessen und zweimal Frühstück müssen wir 163 Dollar bezahlen. Wir erledigen das diesmal mit der Kreditkarte, denn die kanadischen Reiseschecks gehen so langsam zur Neige. Um 10.08 Uhr halten wir noch einmal am Supermarkt. Anja braucht für ihren leichten Schnupfen noch ein Paket Papiertaschentücher. Leider gibt es hier keine Großpackungen, nur einen Viererpack, aber Hauptsache ist, sie hat welche. 500 Meter weiter tanken wir das Auto noch voll für diese Tagesetappe und machen uns dann auf zum Yellowhead Highway Nr. 16.
Das Wetter ist sehr gemischt. Kurze, heftige Schauer wechseln sich ab mit sonnigen Abschnitten, für die man sogar die Sonnenbrille braucht. So fahren wir über den Yellowhead Pass und halten am Yellowhead Lake. Hier ist die Grenze des Jasper Nationalparks und es endet die Provinz Alberta. Direkt anschließend beginnt der in British Columbia liegende Mount Robson Provincial Park. Wir bekommen an dieser Grenze zwischen den Parks und den Provinzen wieder eine Stunde Zeit zurück. Wir stellen unsere Uhren von 10.56 Uhr auf 9.56 Uhr um. Danach halten wir erst am Mount Robson Visitor Center. Der mit 3954 Metern höchste Berg British Columbias hat sich in Wolken gehüllt und will uns seinen pyramidenförmigen Gipfel nicht zeigen. Wir laufen etwas auf dem Gelände des Informationszentrums herum, aber es beginn leider leicht zu nieseln. Als wir im Auto sitzen ist daraus ein richtiger Schauer geworden. Da wir hier nichts weiter tun können als tief hängende Wolken zu bestaunen, fahren wir weiter.
Nach wenigen weiteren Kilometern auf diesem geschichtsträchtigen Highway kommen wir nach Tete Jaune Cache. Hier biegen wir in südliche Richtung auf den Highway Nr. 5 ab. Als wir die reine Hochgebirgsregion verlassen haben, wird das Wetter zunehmend besser und es kommt sogar die Sonne heraus. Der Highway ist recht eintönig zu fahren. Fast immer geradeaus, sehr wenige Orte und viel Gegend links und rechts der Straße. Den Ort Valemount kann man noch durch Häuser als solche von der Straße aus identifizieren, die weiteren Orte verstecken sich hinter Nebenstraßen. Erst um 12.22 Uhr halten wir in Blue River an einer Tankstelle. Wir brauchen zwar noch keinen Sprit, aber der innere Motor verlangt nach etwas Essbarem. Wir besorgen uns in der Tankstelle gekühlten Apfelsaft und zwei Hot Dogs für 8,94 Dollar, stehen dafür aber über 25 Minuten an einer der beiden Kassen an. Irgendwie geht das alles hier nicht so den normalen Gang. Um 12.55 Uhr fahren wir leicht gestärkt weiter. Hinter Blue River wird die Landschaft auch wieder etwas bergiger und eine Eisenbahnstrecke gesellt sich zu der Straße. Auch der North Thompson River, der an Kamloops vorbei in Lytton in den Fraser River mündet, nähert sich in einem immer enger werdenden Tal dem Highway. Bald liegen Straße, Fluß und Eisenbahntrasse ganz eng nebeneinander.
Ich finde auf Anhieb die Stelle von 2002 wieder, an der ich damals den Rocky Mountaineer Zug auf seinem Weg nach Jasper gefilmt hatte und wir uns entschlossen haben, diesen Zug einmal zu benutzen. Ein Güterzug, der aus seinen Dieselmotoren röhrend langsam bergan klettert, wäre jetzt mein größter Wunsch. Aber nach einer halben Stunde ohne jede Zugbewegung gebe ich auf. Wir haben ja noch ein ganzes Stück Weg vor uns und so fahren wir um 14.15 Uhr weiter. Nach einer weiteren Stunde Fahrt sind wir mittlerweile wieder bei schönem Wetter in Clearwater und direkt am Visitor Center. Hier decken wir uns mit Infomaterial und Karten ein und fahren nur 200 Meter weiter zur Fluor Meadow Bakery. Auch hier waren wir 2002 bereits und daher wissen wir, dass es guten Kaffee und besonders guten Kuchen gibt. Anja nimmt eine Diät-Coke und ein Schoko-Eclaire, ich nehme einen Pott Kaffee mit refill und ein gigantisches Stück Apfelkuchen mit Zimt und Sahne. Es war wirklich sehr gut.
Nachdem wir uns ein wenig erholt haben, fahren wir weiter. Die Straße, die wir jetzt nehmen müssen, ist eine sehr lange Sackgasse. Sie führt ca. 80 Kilometer in den Wells Gray Provincial Park hinein und endet am Clearwater Lake. Aber da hinten ist unser Hotel für Heute. Nach 20 Minuten stoppen wir am Spahat Wasserfall. Nach wenigen Gehminuten stehen wir vor einem gewaltigen Kessel, in den es senkrecht gut 100 Meter hinab geht. An der gegenüber liegenden Felswand befindet sich ein kleinerer Riss von ca. 40 Meter Tiefe, aus dem ein Bach heraus fließt und als Wasserfall ca. 60 Meter in die Tiefe stürzt. Der anschließende Canyon hat ebenso gewaltige Dimensionen. Weiter geht’s und die Straße wird zu einer Katastrophe. Endlose Baustellen mit Schotterpiste verlangen uns und unserem Auto alles ab. Um 17 Uhr erreichen wir endlich die Helmcken Falls Lodge.
Wir parken unser Auto und betreten das etwas seltsam aussehende Haus. Auch von innen sieht es sehr antiquiert aus. Hier wurde bestimmt in den letzten 80 Jahren nicht viel verändert. Dadurch hat das Ganze aber einen gewissen Charme mit Anflug von Abenteuer. Wir bekommen von einer sehr redseligen Dame nach der Anmeldung unseren Zimmerschlüssel. Wir müssen uns mehrmals anhören, dass der Name des gleichnamigen Wasserfalles hier in der Nähe nicht „Helmcken Fall“ ausgesprochen wird, sondern „Helmecken Fall“. Sie hat irgendwie noch ein „e“ dazwischen gebastelt. Wir können das zwar nicht nachvollziehen, nicken aber beifällig zu ihren Ausführungen. Wieder im Auto fahren wir den steilen Berg zu den Unterkünften hinunter. Wir finden unser Zimmer nicht. Die Zahl 8 taucht an keinem der Häuser auf. Ich wende und will noch einmal zu der Dame mit dem „e“ zurück, da fällt uns geradeaus, beim Herunterfahren war das schräg hinter uns, ein weiterer, lang gestreckter Bau auf. Hier finden wir unser Zimmer mit der Nummer 8. Es ist ein sehr einfach eingerichtetes Zimmer mit zwei Betten und einem Badezimmer. Kein Fernsehen und kein Radio. Für eine Nacht wird es gehen. Das Türschloss hat ein Linkshänder eingebaut. Man muss den Schlüssel verkehrt herum drehen, um abzuschließen. Nach meinen ersten Versuchen war die Tür immer noch auf. Jetzt müssen wir uns aber beeilen, denn es wird langsam dunkel. Die Wolken werden ebenfalls wieder dichter und ein erstes, kurzes Nieseln lässt nichts Gutes erahnen.
Wir fahren von der Lodge ab und nur wenige Meter dahinter beginnt der eigentliche Wells Gray Provincial Park. Der erste Halt ist an den Dawson Falls, die wir natürlich filmen und fotografieren müssen. Aber die ganze Aufmerksamkeit richten wir auf den Helmcken Fall. Auf dem Parkplatz vor dem Fall ist kein Auto zu sehen. Wir sind ganz allein und als wir aus dem Wagen aussteigen, hören wir bereits ein dumpfes Grollen hinter den dicht stehenden hohen Tannen. Nur ein ganz kurzer Fußmarsch bringt uns zum grandiosen Helmcken Wasserfall. 150 Meter stürzt das viele Wasser senkrecht in den schwarzen Höllenschlund des ausgewaschenen Lavatopfes. Das Wasser schlägt auf dem nackten Stein auf und zerstäubt so fein, dass es als dicker Nebel wieder bis über die Abbruchkante des Wasserfalles aufsteigt. Die Sonne lugt ab und an durch die Wolken und in der Nebelwand sind Regenbögen zu sehen. Man steht einfach sprachlos vor diesem Naturschauspiel und kommt aus dem Staunen nicht heraus. Ich filme wie ein Wilder, mal mit Schwenks in die dritte Dimension, mal mit, mal ohne Regenbogen und meistens nur den Wasserfall rauf und wieder runter. Toll. Um 19.07 Uhr ist die ganze Pracht vorbei. Ein leises Grollen kündigt ein aufziehendes Gewitter an, aber die Regenwolken sind schneller. Deshalb brechen wir ab und fahren zur Lodge zurück.
Hier duschen wir und machen uns für das Abendessen fertig. Wir haben für 20 Uhr einen Tisch im Restaurant oberhalb der Rezeption bestellt. Wir sind pünktlich und erhalten einen Platz mitten im Raum. Wir entscheiden uns für eine Tomatensuppe, Anja für die Calamares und ich nehme das Rib Eye Steak. Dazu gibt es der Gemütlichkeit wegen noch einen Brandy und jeder zwei Lager-Bier. Während des Essens können wir beobachten, wie winzige Kolibris aus Kunststoffampeln Zuckerwasser schlürfen. Sie bleiben dazu wie Hubschrauber vor den künstlichen Blüten stehen und saugen sich mit ihren langen Zungen satt. Um 21.15 Uhr bezahlen wir unsere Rechnung und begeben uns auf den Rückweg. Seitlich neben der Lodge befindet sich eine Treppe aus Bahnschwellen, die zu unserem Haus mit dem Zimmer führt, da brauchen wir nicht den langen Weg außen herum über die lehmige Straße zu nehmen. Anja geht voraus über die schlüpfrigen Holzschwellen. Plötzlich knickt sie um und fällt der Länge nach hin. Das ging so schnell, dass ich keine Chance hatte, nach ihr zu greifen. Sie kann sich zwar abstützen, aber das Fußgelenk ist umgeschlagen. Großes Wehklagen und dann mit meiner aktiven Unterstützung langsam zum Zimmer gehumpelt. Hier befreien wir Anja sofort vom Schuhwerk und sie legt sich erst einmal auf das Bett. Ich tränke sofort einige Handtücher mit eiskaltem Wasser und mache ihr kühlende Umschläge. Danach fülle ich einen Plasikbeutel, der sich sehr gut verschließen lässt, mit kaltem Wasser und lege ihn auf den Knöchel. Das hält etwas länger und bringt auch ein wenig Linderung. So mache ich das alle paar Minuten, damit der Knöchel nicht zu sehr anschwillt. Wir können nur hoffen, das die Bänder nur gedehnt und nicht gerissen sind. Hier in dieser Wildnis ist der nächste Arzt hunderte Kilometer weit weg. Irgendwann nach 23 Uhr schlafe ich dann ein, versorge Anja in der Nacht aber noch zweimal.





 

 

 

 



Klick für große Bilder:


Der Mount Robson Park


Kurzer Stopp am Yellow-head Lake


Der Mount Robson in den Wolken


Ein Hinweisschild zum Mount Robson

 

 


Reichlich Platz im Auto

 

 


Kaffeepause

 

 


Der Spahat Wasserfall

 

 

Der Dawson Fall

 

 

Helmcken Fall 1

 

 

Helmcken Fall 2

 

 

Helmcken Fall Lodge

 

 

Kolibris in Kanada