Anjas und Winfrieds Reiseseite
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Der Westen Kanadas

vom 20. Juli bis 06. August 2006

Tag 17 - Montag 24. Juli 2006

Rocky Mountaineer Railtour Tag 2

Es ist unmenschliche 4.50 Uhr und der Wecker traut sich was, indem er ungeniert seine Töne von sich gibt. Aber es nützt alles nichts. Abfahrt vom Hotel zum Zug ist auf 6.15 Uhr angesetzt. Und eine gewisse Zeit brauchen wir eben, bis wir neu gestylt uns dem wartenden Publikum zeigen können. Der Vorhang im Zimmer ist sehr dicht und ich lupfe ihn mit ein wenig Herzklopfen. Hoffentlich hat sich das schlechte Wetter von gestern Abend nicht festgesetzt. Ich schaue hinaus und mein Herz rast vor Freude. Keine einzige Wolke ist zu sehen. Hoffentlich bleibt es so den ganzen Tag, das währe der Knaller. Wir dürfen die Koffer im Zimmer lassen, sie werden vom Zugpersonal abgeholt. Um 6.12 Uhr sind wir an der Rezeption und geben den Zimmerschlüssel ab. Der Bus lässt sich Zeit, er ist noch nicht in Sicht. Debbie und Martin treffen wir auch. Sie waren von der Show nicht sehr begeistert, sie hatten sich etwas mehr davon versprochen. Um 6.30 Uhr ist der Bus dann da und wir werden zum Zug gefahren.
Welch eine Freude. Der Zug wurde in der Nacht getrennt. Auf dem Nachbargleis steht das andere Drittel mit der Lok nach vorne. Er fährt nach Jasper. Aber das Beste daran ist, dass unser Waggon der letzte am Zug ist und wir somit freie Sicht nach hinten von der Plattform haben. Suuuper!! Wir entern unsere Plätze und hören auch mit großer Freude, dass die Klimaanlage erfolgreich repariert wurde. Was soll denn jetzt noch schief gehen? Um 7 Uhr ist pünktlich Abfahrt und nur 5 Minuten später bekommen wir das Signal zum Frühstück. Hurrah, unsere Gruppe darf Heute zuerst nach unten. Wir sind wieder die Ersten und sitzen ebenfalls wieder mit unseren Schotten an einem Tisch. Es gibt Kaffee, Tee, Croissants und Fruchtcocktail. Wir nehmen heute das Gold Leaf Frühstück. Es ist ein Ring aus hash browns mit Lachs und Rührei gefüllt. Die Schotten essen wieder ihre fettige Bratwurst. Wir unterhalten uns angeregt, aber leider müssen wir um 8.30 Uhr der anderen Gruppe die Plätze überlassen.
Auf der Plattform ist es im Fahrtwind noch etwas frisch und so bleiben wir erst einmal auf unseren Sitzen oben im Zug. Um 8.50 Uhr ist das Restaurant im Zug für die nächste Gruppe hergerichtet und die dürfen jetzt zum Frühstück. Der Zug hat die wüstenartige Landschaft um Kamloops hinter sich gelassen und fährt wieder durch sattgrüne Felder und Wiesen. Eine ganze Weile sehen wir zur Linken den Shuswap Lake, der immer mal wieder bis an die Gleise heranreicht. Wir durchfahren den Ort Salmon Arm und dahinter Sicamous. Hier trifft der Highway 97 A von Kelowna kommend auf den Trans Canada Highway. Kelowna ist der Hauptort des berühmten Okanagan Valley, einem riesigen Obstanbaugebiet. Langsam nähern wir uns den ersten Ausläufern der Monashee Mountains. Das Gelände wird bergiger und der Zug etwas langsamer.
Um 10.08 Uhr wird er ganz langsam, ein untrügliches Zeichen für ein fotogenes Motiv an der Strecke. Zuerst sehen wir von der Plattform aus das Bahnhofsgebäude der Station Craigellachie. Direkt dahinter ist das Monument des „Last Spike“. Hier trafen sich 1885 die Schienenstränge der CPR, der Canadien Pacific Railroad. Und das wurde gebührend gefeiert und mit dem Denkmal des „letzten Nagels“ hier gewürdigt. Die schöne Fahrt geht weiter durch die Bergwelt Kanadas. Die Berge entlang der Strecke werden immer höher und felsiger. Um 10.36 Uhr sind wir an der Hotelanlage Three Valley, die überwiegend für Wintersportler betrieben wird. Sie liegt idyllisch in einem engen Tal an einem noch schöneren See. Die Gleise der Strecke schmiegen sich an den steilen Felsabhang entlang des Ufers und zwängen sich durch enge Tunnels. Eine weitere halbe Stunde später nähern wir uns der Brücke über einen See vor Revelstoke. Ich habe den Namen des Gewässers nicht herausbekommen. Wir können das Sandman-Hotel, in dem wir 2002 übernachtet haben, erkennen.
Wenig später passieren wir das Railway Museum von Revelstoke. Da gibt es viele sehr schöne und interessante Exponate rund um den Eisenbahnbau zu bestaunen. Das Schmuckstück des Museums ist die Dampflok Nr. 5468 der CPR von 1948, eine Mikado P-2k 2-8-2. Wunderbar restauriert kann man sie sogar noch bei Sondereinsätzen bestaunen. Nach einem kurzen Stopp, um den Gegenzug vorbei zu lassen, fahren wir um 11.25 Uhr aus Revelstoke heraus. Der Schienenstrang und der Trans Canada Highway verlaufen ab jetzt immer parallel zu einander. Um 11.50 Uhr wird unsere Gruppe zum Mittagessen gerufen. Als Vorspeise gibt es eine sehr gute Sommererbsensuppe. Kaum ist die Suppe gegessen, wird es im Waggon stockdunkel und die Lichter gehen an. Verdammt, den Connaught Tunnel hatte ich glatt vergessen. Ich entschuldige mich knapp und stürze nach hinten zur Plattform. Hier ist nicht viel los und ich beobachte das Tunnelportal, wie es immer kleiner wird. Dieser Tunnel ist acht Kilometer lang und schnurgerade führt er immer bergauf. Filmen klappt in der Dunkelheit leider nicht, aber selbst nach über sechs Kilometern ist der kleine helle Punkt des Tunnelportals noch zu erkennen. Aber wenigstens die Ausfahrt aus dem Tunnel kann ich filmen und kehre danach an meinen Platz zurück. Gerade noch rechtzeitig, denn jetzt gibt es die Hauptspeise, und das ist Roastbeef mit Kartoffeln und Gemüse. Wieder eine Durchsage von Stephen, wir nähern uns der Stoney Creek Bridge. Wieder die kleine Kamera geschnappt, entschuldigt und raus. Diesmal ist die Plattform rappelvoll und die Aufnahmen sind nur bedingt verwendbar. Aber eine tolle Brücke über einen heftigen Abgrund und mit guter Aussicht. Zurück zum Nachtisch mit Himbeermousse und Kaffee. Nun, man muss eben manchmal Prioritäten setzen. Essen kann man das ganze Leben lang, aber so eine Brücke überquert man nur einmal.
Um 13.09 Uhr sind wir mit dem Essen fertig und da die Anderen jetzt zum Essen müssen, habe ich die Plattform für eine ganze Weile für mich. Hinter dem Rogers Pass nimmt der Zug gewaltig an Fahrt auf, denn jetzt geht es stetig bergab. Ich kann sehr gut beobachten, dass hier viel und andauernd gebaut wird. Manchmal sieht man direkt neben unseren Gleisen noch den Verlauf der „alten“ Strecke mit viel kleineren Tunnels und engeren Kurvenradien. Vor der Ortschaft Donald sind wir im Tal des Columbia River. Rasend schnell nähern wir uns nun der Ortschaft Golden, die wir um 14.05 Uhr erreichen. Der Zug bremst ab und fährt in einer großen Biegung nach links in das Tal des Kicking Horse River, der hier in den Columbia River mündet. Jetzt folgt der absolut schönste Teil der ganzen Zugfahrt, der Yoho Nationalpark.
Immer enger wird der Taleinschnitt und es gibt nur Platz für die Zugtrasse und den Fluss. Tunnel reiht sich an Tunnel und die Gleise wechseln über unzählige Brücken andauernd das Flussufer. Steil oben am Berg klebt noch die Straße, die man manchmal erkennen kann. Fast eineinhalb Stunden benötigt der Zug für den unteren Teil der Strecke bis zur Ortschaft Field. Hier gibt es wieder ein Ausweichgleis und eine kurze Pause. Die Lokführer haben wieder ihren Wechsel wegen der Arbeitszeit. Neben unserem Zug steht nun einer dieser kilometerlangen Güterzüge mit den doppelt gestapelten Containern. Um 15.30 Uhr ruckt unser Zug an und die Fahrt geht weiter. Ich habe mit Anja schon besprochen, dass wir sofort nach Field die Plattform besetzen und mit beiden Kameras die Spiraltunnel filmen werden. Wir stürmen auch gleich nach unten und es ist auch keiner da. Die anderen Passagiere haben von der Strecke wohl keine Ahnung. Nicht weit hinter Field gibt es eine Sensation im Eisenbahnbau. Zwei hintereinander liegende Spiraltunnel lassen den Zug die enorme Steigung gefahrlos überwinden. Ich möchte gerne die Einfahrt und die Ausfahrt aus zwei unterschiedlichen Perspektiven filmen. Also bekommt Anja meinen kleinen Camcorder und steht in Fahrtrichtung links und ich mit der großen auf der rechten Seite. Um es kurz zu machen, die Aufnahmen der rechten Seite sind etwas geworden. Schön sieht man nach der Tunnelausfahrt wie sich die Schienenstränge kreuzen. Nach wenigen Minuten fährt der Zug in den zweiten Spiraltunnel ein und nach knapp zwei Minuten sind wir auch hier durch. 2002 hatte ich vom Aussichtspunkt mehrere Züge bei ihrer Durchfahrt gefilmt, aber selbst einmal durch diese Tunnels zu fahren ist schon ein absoluter Höhepunkt.
Der Zug klettert nur noch wenig den Berg hinauf und an der Grenze zur Provinz Alberta ist der Scheitelpunkt erreicht. Von nun an geht’s bergab. Wir sind geschafft und verbringen den Rest der Fahrt im Waggon auf unseren Plätzen. Die Crew fängt an, sich zu verabschieden. Zuerst hält die Zugleiterin eine lange Ansprache an die Gäste der Reisegesellschaften. Wir gehören zu den wenigen Individualreisenden wie wir feststellen. Nur unsere Schotten und noch wenige weitere Paare reisen solo. Für alle Anderen stehen in Banff Busse für die Weiterfahrt bereit. Nach dieser Verabschiedung kommen Jennifer und Stephen mit einem Körbchen und mit DVD’s durch den Waggon. Sie schenken jedem Paar eine Werbe-DVD vom Zug mit einer von allen Zugbegleitern unterschriebenen Karte. Natürlich ist der Korb für ein großzügiges Trinkgeld gedacht. Auch wir geben unseren Obolus und Jennifer bemerkt dabei, dass wir in den Tunnels draußen auf der Plattform waren. Unsere Gesichter sind durch die Abgase der Dieselloks rußverschmiert. Ein allgemeines Gelächter der um uns herum sitzenden Passagiere ist die Folge. Anja nimmt ein Erfrischungstuch und ich gehe schnell zum Waschraum in die untere Etage. In Alberta ist es eine Stunde später und wir müssen unsere Uhren vorstellen. Von Lake Louise aus ist der Zug richtig gerast. Vielleicht wollen die Angestellten die gestrige Verspätung heute in Freizeit umwandeln. Jedenfalls sind wir schon um 17.10 Uhr statt 18.30 Uhr in Banff. Wir packen unsere Sachen aus den Netzen und verabschieden uns von Debbie und Martin. Vorher haben wir noch unsere E-Mail Adressen ausgetauscht und uns nach dem Urlaub gegenseitig Fotos zugeschickt. Martins letzte Worte an uns sind: „Maybe, we see us on a Train again?“ Das wäre sehr schön, aber ein sechser im Lotto ist wahrscheinlicher. Jedenfalls hatten wir mit den Beiden als Sitz- und Tischnachbarn riesiges Glück gehabt. Alle Crewmitglieder stehen außerhalb des Zuges und geben uns zum Abschied noch die Hand. Die Trinkgelder müssen demnach gigantisch ausgefallen sein. Resümierend muss man die Freundlichkeit, Leistung und das Angebot wirklich sehr hoch loben.
Unsere Koffer stehen neben dem Zug bereit und wir nehmen ein Taxi zum Hotel. Es ist das Banff Rocky Mountain Resort und liegt außerhalb des Ortes. Die Hotelanlage besteht aus einem Haupthaus mit Restaurant, Schwimmbad und allen weiteren Annehmlichkeiten für den verwöhnten Gast. Gegenüber befinden sich dann einzelne Häuser mit den unterschiedlichsten Zimmerkategorien und eigenen Parkplätzen. An der Rezeption haben wir Glück und eine deutsche junge Frau bedient uns. Sie ist erst seit drei Jahren hier in Kanada, hat aber schon einen unglaublichen Slang und ringt tatsächlich hin und wieder nach deutschen Worten. Wir bekommen von ihr den Schlüssel für Raum 1206 und einen Plan, der uns den Weg zum Haus zeigt. Das Angebot, mit einem Bus hingebracht zu werden, lehnen wir dankend ab. Es ist nicht weit und nach zwei Tagen in einem Zug tut Bewegung sicherlich gut. Aber wir erfahren, dass der Hotelbus zu jeder vollen Stunde nach Banff fährt. Um 18.10 Uhr stehen wir vor dem Haus mit unserem Zimmer. Wir müssen eine Außentreppe nach oben. Wir öffnen die Tür und fallen fast um. Es ist unglaublich, was wir sehen. Ein riesiges Wohnzimmer mit offenem Kamin, Fernsehecke, Essecke und eine große, komplett eingerichtete Küche. Vom Flur geht es noch in eine Dusche mit WC. Wir entdecken hinter der Eingangstür noch eine Treppe nach oben. Da gibt es zwei Schlafzimmer mit je einem riesigen King-Bett sowie ein Badezimmer, ebenfalls mit WC. Das wird für uns zwei gerade so reichen, grinsen wir uns an. Die nächsten beiden Tage können wir es hier sehr gut aushalten. Wir waschen uns den Ruß aus dem Gesicht und machen uns kurz frisch. Die Koffer lassen wir im Wohnzimmer, hier ist ja Platz genug dafür.
Um 18.55 Uhr ziehen wir los. Wir wollen den Shuttlebus um 19 Uhr nach Banff erreichen. Der Bus, ein großer Van von Chevrolet, steht bereits vor der Tür des Haupthauses und es warten noch andere Gäste auf den Fahrer. Es ist ein junger Mann, fast noch Schüler, und öffnet die Tür. Ich will einsteigen, verspüre plötzlich einen stechenden Schmerz und falle nach hinten auf mein Gesäß. Für einen Moment ist es schwarz vor meinen Augen. Nach ein paar Sekunden komme ich zu mir. Ich bin mit dem Kopf gegen eine Verschlußöse der Schiebetür des Vans geknallt. Die ist schwarz lackiert und mit Sonnenbrille fast unsichtbar. Nach 10 Minuten sind wir im Ort und steigen vor der kleinen Mall aus, die wir noch von 2002 kennen. Von hier können wir in genau einer Stunde wieder zum Hotel zurückfahren. Zuerst aber gehen wir auf der Rückseite der Mall zu Safeway. Da wir eine Ferienwohnung haben, brauchen wir etwas zum frühstücken. Wir kaufen Toast, Butter, Käse, Obst. In einem nahen Liquor Store besorgen wir uns noch zwei Dosen Bier. Danach gehen wir noch in die Mall und kaufen ein Stück Pizza, das wir gemeinsam  vertilgen. Nach dem guten Essen im Zug hält sich unser Hunger in starken Grenzen. Um 20.10 Uhr sind wir an der Haltestelle des Busses und um 20.30 Uhr bereits in unserer Luxussuite. Ich stürme erst einmal ins Badezimmer und dusche ausgiebig. Trotz immensen mehrmaligen Einsatz von Seife, Duschgel und Haarwaschmittel bleiben doch dunkle Spuren vom Ruß in den Handtüchern. Was werden die Reinigungskräfte wohl sagen? Wir ziehen die Vorhänge zu und lümmeln uns auf der großen Couch vor die Glotze. Ich gönne mir eine Dose Kookanee Beer, es können auch zwei gewesen sein, und um 22.30 Uhr ist dann Bettruhe.

Ich möchte hier nur noch eine kurze Nachbetrachtung zu der Zugfahrt anfügen. Diese Fahrt ist wirklich ein absoluter Höhepunkt in einer Urlaubsreise. Nicht nur die fantastischen Landschaften, die der Zug durchfährt, sind sehenswert. Auch das Personal und der Service sind nicht zu überbieten. Diese Fahrt können wir wirklich sehr empfehlen. Das Wetter kann man allerdings nicht buchen





 

 

 

 



Klick für große Bilder:


Unser Hotel in Kamloops

 

 


Neuer Tag - neuer Zug

 

 


Auf dem roten Teppich in den Zug


Schöne Landschaft am Shuswap Lake


Lachs, Ei und hash browns zum Frühstück

 

 


Andrang auf der Plattform

 

 


Last Spike, der letzte Nagel

 

 


Kurz vor Revelstoke

 

 

Eisenbahnmuseeum in Revelstoke

 

 

Kicking Horse River

 

 

Lokomotive in Field

 

 

Der untere Spiraltunnel

 

 

Rocky Mountains

 

 

Jennifer und Stephen 1

 

 

Castle Mountains

 

 

Blick zurück im Tal des Bow River

 

 

Jennifer und Stephen 2

 

 

Mit Gepäck am Bahnhof in Banff