Anjas und Winfrieds Reiseseite
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Alaska und das Yukon Territory

vom 10. Juli bis 01. August 2004

Dienstag 13. Juli 2004

Homer

Es ist nur eine mäßig ruhige Nacht. Unser Schlafraum ist zwar zur straßenabgewandten Seite des Hotelbaues, aber der LKW-Lärm dringt doch durch die Holzwände bis zu unseren Ohren vor. Um 7 Uhr stehen wir daher auf und gehen um 8.30 Uhr im Hotel zum Frühstück. Der Raum im oberen Geschoss des Hauptgebäudes hat auch schon bessere Tage gesehen. Das Mobiliar sieht schon sehr strapaziert aus. Viel ist auch nicht los, wir sind mit noch einer Familie mit zwei Kindern die einzigen Menschen hier. Die vielen anderen Gäste sind bestimmt in aller Frühe zu den zahllosen Schiffen und Booten geströmt, um jede Menge Heilbutt und Lachs zu angeln. Anja bestellt Eier mit Toast und ich nehme das Gleiche nur mit Speck dazu. Da unser designierter Flug erst ab 14 Uhr stattfinden soll, haben wir noch viel Zeit und überhaupt nichts weiter hier in Homer geplant. Anja wäscht sich deshalb gemütlich die Haare und ich filme bei immer noch traumhaftem Wetter das Hotel und die Umgebung.
Um 10.15 Uhr fahren wir dann vom Hotel los. Nach der Beschreibung in einem Reiseführer soll die Panoramastraße East End Road landschaftlich sehenswert sein. Aber zunächst, noch im Ortsgebiet von Homer, stehen wir an mehreren Baustellen an. Ein Stoppschild mit menschlicher Ampel folgt der Nächsten. Nach fast einer halben Stunde haben wir alle hinter uns und wir sind auf der East End Road. Vor uns fährt langsam ein „Engländer“ – soll heißen, der Fahrer sitzt auf der rechten Seite des Wagens. Als ich gerade anfangen will mich darüber zu wundern, hält das Auto und der Fahrer öffnet vom Sitz aus die Briefkästen, befüllt sie und stellt den roten Winker hoch. Leider sind wir zu dicht hinter diesem Fahrzeug und müssen vorbeifahren. Hinter der nächsten Kurve halten wir an und warten auf den Postboten. Dieser fährt nun wieder an uns vorbei und bei den nächsten Briefkästen filme ich ihn bei seiner Tätigkeit. Wir fahren weiter und bald ist die Straße an einer Pferdefarm mit Reitmöglichkeiten zu Ende. Landschaftlich hat uns die Straße nicht vom Hocker gehauen. Sicherlich ist der Blick über die Kachemak Bay sehr schön, aber der Bewuchs ist eher spärlich. Kein Wunder bei den durchschnittlichen Temperaturen hier in Alaska.
Der Rückweg ist schnell geschafft und bei den Baustellen haben wir mehr Glück als am Morgen und kommen zügig durch. So sind wir bereits um 12.09 Uhr am Homer Spit. Ein Parkplatz, am Vortag ein kleines Problem, ist diesmal schnell gefunden. Wir bummeln zum Jachthafen und sehen den bereits gelandeten Anglern beim Zerlegen ihrer Fische zu. Da wird jede Menge Heilbutt filetiert und der Rest der Fische großzügig in großen Abfallcontainern entsorgt. Zwei der Angler haben tolle Lachse gefangen. Das tiefrote Fleisch der Fische ist beeindruckend. Ganz anders als das zart rosa Fleisch, was wir hier in Deutschland kaufen können.
Am unteren Steg macht eine Yacht mit riesigen, senkrecht gestellten Angeln fest. Wir beobachten, dass zwei große Wannen mit noch größeren Fischen von Bord gehievt werden. Ein jüngerer Mann und eine gleichaltrige Frau packen eine der Wannen und schleifen diese die steile, fast 25 Meter lange Bootsrampe zu einem Pick-Up Truck hoch und wuchten sie auf die Ladefläche. Inzwischen sind wir an der Rampe und an dem Truck. Ein gewaltiger Heilbutt liegt in der Wanne und ragt auf jeder Seite mindestens einen halben Meter heraus. Die Beiden sind inzwischen wieder den Steg hinunter und holen eine weitere Wanne. Jetzt verschlägt es uns gänzlich den Atem. Der Fisch, der in dieser Wanne liegt, sprengt unser Vorstellungsvermögen von der Größe, die ein Heilbutt erreichen kann. Dieser Fisch hat mit dem, was wir aus Deutschland und den Auslagen in einem Fischgeschäft kennen, nichts zu tun. Beide tragen sehr schwer an der Wanne den steilen Steg hoch und wuchten sie nur unter größter, letzter Anstrengung auf die Ladefläche des Trucks. Als sie in das Fahrzeug steigen steht für uns der Entschluss fest. Hinterher. Wir müssen unbedingt wissen, wie groß und wie schwer dieses Ungetüm ist. Wir gehen die Abkürzung am Hafenrand entlang und sind fast gleichzeitig mit den beiden jungen Leuten an der Hütte des Charterunternehmens. Hier werden von mehreren Angestellten fleißig kleinere Heilbutts ausgenommen und filetiert. Der Riesenheilbutt wird abgeladen und zu einer Waage gezogen. Er bekommt einen Strick unterhalb der Schwanzflosse umgebunden und dann hochgezogen. Der junge Mann ist bestimmt an die 1,90 Meter groß, der Fisch überragt ihn aber um gut 20 – 30 Zentimeter. Neugierig nähern wir uns der Waage und lesen unglaubliche 198 Pfund, also fast 100 Kilogramm ab. Natürlich wird das alles genauestens fotografiert und gefilmt, sonst wird man zu Hause unsere Erzählungen als Anglerlatein abtun.
Wir schauen noch einige Minuten dem bunten Treiben der Angler und der Filetierer zu und trollen uns dann in Richtung Salty Dawg Saloon. Hier müssen wir unbedingt hinein, so hatte es uns der Reiseführer aufgezwungen. Zuerst werfen wir einen scheuen Blick hinein. Es heißt, hier sei immer der Teufel los und der Laden brechend voll. Nun, der Teufel hatte wohl gerade Ausgang, es gab sogar noch einen Platz am Tresen für uns. Den haben wir sofort besetzt und gleich zwei Cola mit Eis bestellt. Es ist jetzt 12 Uhr und ganz schön heiß draußen. Der Saloon ist tatsächlich sehr urig, wie man so sagt. Alte Rettungsringe, Korbflaschen und viel nautischer Kram hängt überall an den Wänden herum. Aber der absolute Clou sind hunderte, wenn nicht tausende echte Eindollarnoten, die im ganzen Raum an den Wänden hängen. Ihre ehemaligen Besitzer haben sich mit Name und Anschrift auf der Note verewigt, bevor sie sie aufgespießt haben. Wir können viele Namen und Länder entdecken, sogar viele deutsche Adressen sind dabei. Auch hier wird wieder alles gefilmt und fotografiert.
Um 13.30 Uhr haben wir nun langsam Hunger. Auf dem Bordwalk auf der anderen Seite des Spit entdecken wir eine Bretterbude, die wie ein Restaurant aussieht. Es ist ein Selbstbedienungsrestaurant. Wir müssen uns an einem Schalter anstellen, wenn wir dran sind unseren Essenswunsch mitteilen, bezahlen und irgendwann wird unser Name aufgerufen und wir dürfen das Essen abholen. Die Schlange ist beträchtlich und irgendwie habe ich keine Lust auf Schlangestehen. Da wird ein Fensterplatz frei und ich schalte schnell. Ich flüstere Anja meinen Essenswunsch zu und das ich den Fensterplatz besetzten werde. Noch ehe sie protestieren kann, bin ich weg und sitze auf dem Platz. Anja schaut etwas betröppelt, aber ich war eben schneller. Bald ist sie dran und damit sich ihre Mine wieder aufhellt, verspreche ich, das Tablett mit unserem Essen von der Durchreiche abzuholen. Lange 15 Minuten später ist es dann soweit und wir bekommen unseren frischen Heilbutt mit Pommes und Remouladensoße. Der Fisch schmeckt ganz gut aber die Pommes sind nicht der Hit, hier sollte mal das Fett gewechselt werden. Ein Problem, das wohl überall auf der Welt auftritt.
Gesättigt verlassen wir um 14.30 Uhr das Lokal und gehen zum Auto. Kurze Zeit später sind wir bei der Flugcharterfirma vom Vortag. Schon beim Herunterfahren zum tiefer liegenden Ufer des kleinen Sees sehe ich, dass die Motorverkleidung des Flugzeuges immer noch ab ist. Wie befürchtet stellt sich heraus, dass die Motorinspektion heute nicht mehr beendet werden kann. Wir sind enttäuscht, haben wir doch die Tagesplanung darauf abgestellt. Aber alles trauern nützt nichts, wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen. Wieder zurück in Richtung Spit zweigt nach links die Straße zum Flughafen von Homer ab. Da wird es doch bestimmt Firmen geben, die Rundflüge anbieten. Gleich bei der Ersten halten wir an, stürmen das Office und fragen nach einer Bärenbeobachtungstour. Die sind leider schon unterwegs und eine weitere findet heute nicht mehr statt. Aber einen einstündigen Rundflug über den Kenai Fjords Nationalpark für nur 90 Dollar pro Person können wir um 17 Uhr noch machen, bietet uns die junge Frau hinter dem Tresen an. Das ist zum Vergleich mit anderen Flügen, die wir schon unternommen haben, ein Spottpreis. Es ist immer noch wunderschönes, wolkenloses Wetter und so sagen wir spontan zu. Wir bezahlen und müssen unser Gewicht angeben. Da wir Ausländer sind, ziehen wir die Mehrwertsteuerprozente ab und wir brauchen auch nicht auf die Waage. Nach der Erledigung der Formalitäten fahren wir zurück zum Hotel. Homer hat für uns als Nichtangler nichts Weiteres zu bieten. Die eineinhalbstündige Pause nutzen wir für das Laden unserer Akkus und für eine kurze Augenpflege.
Pünktlich um 17 Uhr sind wir wieder bei Homer Air und setzen uns in die Wartesessel. Den obligatorischen Kaffee verschmähen wir, der sieht schon ziemlich alt und einreduziert aus. Außerdem hat so ein Kleinflugzeug keine Toiletten. Wir müssen noch fast eine halbe Stunde auf die Maschine warten. Als sie dann endlich da ist, müssen noch die Passagiere aussteigen und sie muss noch betankt werden. Dann aber ist es endlich so weit, wir dürfen boarden. Ich setze mich nach vorne neben den Piloten und Anja hat die ganze hintere Sitzbank für sich allein und kann rechts und links wunderbar aus den Fenstern fotografieren. Der Pilot gibt uns eine kurze Einweisung in den Bordfunk, startet den Motor und brummt sofort forsch los. Erst geht es eine Runway hinauf, dann eine Verbindungsbahn quer entlang und danach biegen wir rechts in die Startbahn ein. Zuerst geht es auch hier noch gemütlich nordwärts bevor unser junger Pilot eine Wende um 180° Grad vollführt und schon in der Kurve Vollgas gibt. Der Motor brüllt auf und die Rotorblätter schlagen ordentlich knallend durch die Luft. Nach erstaunlich kurzer Strecke hat das Fahrwerk schon die Bodenhaftung verloren und wir schweben in der Luft. Bis zum Ende der Startbahn fliegen wir noch weiter nach Süden. Dann macht unser Pilot eine kleine Linkskurve und wir nehmen Kurs parallel zum Homer Spit. Sehr schön ist der Hafen und die Bebauung zu sehen, sogar der Salty Dawg Saloon mit dem Leuchtturm ist erkennbar. Weiter draußen in der Bucht sind lange weiße Streifen im Wasser zu sehen. Jetzt kurz vor 18 Uhr steuert der Rest der Fischfangflotte in den Heimathafen. Wir fliegen jetzt südwestlich genau auf die vergletscherten Berge des Kenai Fjords Nationalparks zu. Unser Pilot steuert seine Maschine im Tiefflug zwischen den Berggipfeln hindurch und macht uns auf zwei schöne Wasserfälle aufmerksam. Den zweiten umrundet er sogar in steiler Schräglage in einer 270° Grad Kurve. Ein toller Anblick, das Wasser von oben senkrecht über 200 Meter in die Tiefe stürzen zu sehen. Weiter fliegen wir über grandiose Gletscher, aus denen schwarze Gipfel aus Vulkangestein herausragen. Es ist bei traumhaften Wetterbedingungen ein fantastisches Erlebnis. Leider vergeht eine Stunde sprichwörtlich wie „im Fluge“ und wir sind bald schon wieder auf dem Kurs nach Homer. Über der Bucht an der Küste sehen wir noch die Nachwirkungen des gewaltigen Karfreitag-Erdbebens von 1963. Die Küstenlinie und auch der Spit haben sich bei diesem Ereignis um mehrere Meter abgesenkt. Dann taucht auch schon die Landebahn des Flughafens vor uns auf, unaufhaltsam verlieren wir an Höhe und setzten nach wenigen Minuten sanft auf. Unser Pilot steuert seine Maschine wieder zum Hangar und dieser sehr schöne Flug ist leider zu Ende.
Wir verabschieden uns von dem jungen Mann und steuern auf unseren fahrbaren Untersatz zu. Um 18.45 Uhr tanken wir bei Petro-Express den Leihwagen bereits voll, denn morgen fahren wir nach Seward. Anja entdeckt eine Eistruhe und besorgt uns zwei Tüten Eis. Die schlürfen wir regelrecht, da es wohl ein Problem mit der Kühltruhe gibt und das Eis halb flüssig ist, dennoch schmeckt es wunderbar und erfrischt uns.
Um 20 Uhr sind alle Akkus geladen, die Kameras in Schuss gebracht und wir sitzen bei einem gekühlten Alaskan Amber Bier in der hoteleigenen Otter-Bar. Hier drin ist es recht gemütlich. Die Wände sind mit Holz vertäfelt, es gibt das obligatorische Poolbillard, einen stummen Fernseher mit dem obligatorischen Sportkanal und eine Wurlitzer. Nach dem zweiten Bier setzt sich ein Ehepaar an unseren Nachbartisch und beginnt auf typisch amerikanische Art bald ein Gespräch mit uns. Wir erfahren, dass sie aus Anchorage kommen und ein Toyota Autohaus mit Werkstatt betreiben. Die Unterhaltung kommt dank unseres etwas eingerosteten Englischs recht kauderwelschig daher. Anfangs fällt es uns noch auf, aber bei zunehmendem Bierkonsum merken wir das nicht mehr. Erst geben die Amis einen aus, dann wir und so weiter. Es war aber insgesamt ein sehr lustiger Abend und wir haben uns prächtig verstanden.
Um 23.30 Uhr geben wir dann auf, denn der nächste Tag wird sehr lang werden. Ich filme um diese Uhrzeit noch von dem Gang vor unserem Zimmer über den Parkplatz. Es ist noch taghell um diese Uhrzeit, für uns Mitteleuropäer sehr ungewöhnlich. Die Sonne geht zwar unter, aber es bleibt die ganze Nacht über hell hier in Alaska. Um 23.50 Uhr ist auch dieser schöne Tag zu Ende.

nächster Tag

 

 

 

 

 



Klick für große Bilder:


Postbote East End Road


Filetieren des Fanges


Tiefroter Lachs


Fischabfall

 


Riesenheilbutt

 


Größenvergleich

 


198 Pfund Heilbutt

 


Salty Dawg Saloon

 


Im Salty Dawg Saloon

 

Dollarnoten mit Namen

 

Bordwalk

 

Betanken der Maschine

 

Der Spit aus der Luft

 

Wasserfall von oben

 

Kalbender Gletscher

 

Nahaufnahme

 

Junger Pilot

 

Berge und Gletscher

 

Nachtaufnahme